Dorobo 008
CD, AUS 1995
Konzeptkunst. Alan Lamb zeichnet die Oberwellen von Stromleitungen auf, die ihrerseit im subsonischen Bereich unter 1 Hertz arbeiten. Das Resultat ist wie immer nicht so aufregend wie das Konzept, was man ja auch schon bei Dr. Fiorella Terenzi oder Arecibo feststellen mußte. Trotz der Kopfgeburt bleibt Dorobo das derzeit spannendste australische Label, denn es gibt von Lambs Rohmaterial Remixe (!), die als - sehr empfehlenswerte - Sampler-CD namens »Night Passage« veröffentlicht sind (Dorobo 011). Ansonsten: wer es unbedingt subsonisch braucht, dem sei Hertsi 01 von Kohina (Sähkö) ans Hertz gelegt.
Franz Liebl
Phthalo
CD, USA 199?
Fürwahr, Plug Research ist ein merkwürdiges und gleichzeitig sympathisch undogmatisches Label, das die Konfrontation von Electronic Listening, Elektro, Techno und Industrial nicht scheut, so etwa bei der Veröffentlichung einer Lustmord-Scheibe. In der Formation mit dem unaussprechlichen Namen kommen alle genannten Stränge zusammen und werden kunstgerecht verwoben. Das Resultat: der beste Labelact, jetzt endlich auch etwas umfangreicher als CD dokumentiert.
P.S.: Die CD ist seit kurzem auch in Vinyl-Version bei a-musik erschienen. Daß man dabei den Titel in »Pre-Invalid« geändert hat, sei für alle Besitzer der CD warnend vermerkt.
Kontakt:
b.m.jed, London WC1N 3XX http://c8.com/Franz Liebl
Seico Corp 001
12", D 1997
Wo sich Techno mit Minimalismus und Harshness auflädt, ohne azidisch knarzend oder elektro zu sein, weht normalerweise die finnische Flagge irgendwo in der Nähe. Es gibt allerdings auch im Fränkischen ein Angebot, das keinen Vergleich mit der Krem der Krem zu scheuen braucht: Iesope Drift. Mit zwei Scheiben auf dem e-com-Label haben sie begonnen, nun fordert die Ausdifferenzierung und Profilierung des Stils Konsequenzen. Denn e-com ist seiner Natur nach eigentlich ein reines Techno-Label. Daher hat e-com nun den Industrial-Zweig seines Programms auf das Sublabel mit dem unfränkischen und offensichtlich nicht ganz unironischen Namen Seico Corp Recordings ausgelagert. Iesope Drift hat dieser neue Rahmen gut getan, denn sie sind nun minimalistischer, deeper und darker als je zuvor. Wo wird das noch hingehen?
Franz Liebl
Skam/v/vm, 0161
CD, UK 1997
Nach der reichlich genialen Sampler-LP »Privileged Frames for Reference« und der mittlerweile vergriffenen Kompilation »Up-Link-Data Transmission« haben die Datenterroristen des v/vm-Labels zum dritten Mal zugeschlagen. Ein Elektro-Industrial-Querschnitt der angenehmen/spannenden Sorte, der seine Verwandtschaft zum Vorgänger nicht verleugnet. Neben Beiträgen aus der bewährten Skam-Ecke (Gescom, Jega) und einigen mehr oder weniger harschen Noise-Prüglern findet der ehemalige New-Wave-Hörer überraschenderweise auch alte Bekannte, nämlich The Fall, deren Kernelement, Gitarrensound und Mark-E.-Smith-Gesang, in einen technoiden Kokon eingebettet wurden. Eine Kompilation, mit der sich auch ein Sampler-müder Rezensent wie ich gern beschäftigt.
Kontakt:
Skam, P.O. Box 76, Manchester M45 7XW, United KingdomFranz Liebl
Touch TO:32
CD, UK 1997
Eine Produktion aus dem Mego-Dunstkreis von den Herren Bauer und Rehberg. Letzterer firmiert sonst unter Pita und ist neben seinen - in gutem Sinne unangenehmen - MEGO-Releases dem regelmäßigen frontpage/de:Bug-Leser als der gute Onkel von der Industrial-Spalte ein Begriff. Von Herrn Rehberg kann ich zwar sagen, daß er nicht mit der grauen Hamburger Eminenz unterm Durchschnitt identisch ist. Hätte jedoch sein können, wenn man den vorliegenden Output anhört. Wie soll man das nennen? Störgeräusche? Netzbrummen, Rückkopplungen, Einstreufrequenzen und kreischende Geräusche werden mit kluger strategischer Überlegung plaziert, konventionelle Loops sparsam verwendet. Für wilde Orgien und unkanalisierte Energie sind die beiden eh viel zu abgeklärt. Jeder Ton sitzt und zieht die Aufmerksamkeit des Hörers magnetisch auf sich. Eine extrem intellektuelle Platte, ohne in irgendwelche gekünstelten Posen zu verfallen. Die Grauzone zwischen Industrial und neuer Musik wird durch diese CD neu vermessen. Kompliment.
Kontakt:
TOUCH@touch.demon.co.uk www.touch.demon.co.ukFranz Liebl
David Records
CD, D 1997
Vorwärts - wir müssen zurück. Klangstabil liefern eine CD ab, die beim ersten Mal angenehm klingt und ob ihrer treibenden Rhythmik gefällt. Doch nach und nach verblaßt der gute Eindruck zusehends. Das frühachtziger-inspirierte Konzept der Marke »straighte Rhythmusbox drunter und was schräges drüber« endet progressiv im déjà-entendu. Auch wenn es mir ad hoc schwerfällt, Referenzen zu benennen, auch wenn gute Sounds produziert werden und die Arrangements handwerklich okay gehen - gegenüber anderen Elektronik-Elaboraten wirkt Klangstabil tendenziell altbacken. Wenn es denn Absicht sein könnte - wie die ironischen Bezüge bei der Vorgänger-LP »Böhm Gott der Elektrik« klar waren - so bleibt hier das Target allzu verwaschen.
Kontakt:
David Records, Marschallstr. 1, 80802 MünchenFranz Liebl
Scandium 21 44.9559
CD, USA 1994
Dem Werk von Richard Youngs auf den Fersen zu bleiben, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Zahlreich sind seine Kollaborationen, die wegen häufig wechselnder Spielpartner schnell in die Unübersichtlichkeit führen. Über die Zeit hinweg verfügbar geworden sind mir unter anderem die Projekte mit Brian Lavelle (CD auf Freek), mit Stephen Todds (CD auf VHF), mit Simon-Wickham-Smith (LP auf Majora) oder Matthew Bowers (LP auf VHF). Solo-Ware von Youngs dagegen hat Seltenheitswert, nichtsdestoweniger lohnt es sich, auf sie hinzuweisen. Wie bei fast allen Youngs-Projekten mischt sich auch hier elektronisches und akustisches Instrumentarium, das man normalerweise dem Recommended-Giftschrank zuordnen würde. Nur, Youngs geht damit anders um und vermeidet so die für den Hörer schmerzhafte Progresso-Attitüde.
Kontakt:
Richard Youngs, P.O. Box 16359, Glasgow G20 6BZ, Scotland, United KingdomFranz Liebl
Mego 010
CD, A 1997
Ja mancha learntz nie, dös foarn... aba der frantz, der kannz. Gemeint ist natürlich der Klamma frantz, der sich im Inneren des Mego-typischen, überformatigen CD-Covers elegant wie immer in die vereiste Kurve legt. Das Gewicht brutal auf dem Außenski, bereit, zum Riesensprung über die Kamelbuckeln anzusetzen. Gleich kommt er an die Zwischenzeit, ja sakra, er hat nicht nur die beste Zwischenzeit, sondern auch noch den legendären Streckenrekord von Jean-Claude Killy eingestellt.
Damit ist eigentlich alles über diese CD gesagt, denn General Magic vom Wiener Mego-Label haben klar von der Pop-Ikone des Skisports aus der Steiermark gelernt. Verdammt schnell lassen sie's angehen, pressen Musik von CD im schnellen Vorlauf auf die CD, so daß die Konkurrenz von Oval den Österreichern ähnlich hinterherfährt wie in diesem Winter unsere Skinationalmannschaft. Und mehr noch, sie halten auch noch bis ins Ziel durch, wenn schon nicht im selben Tempo, so doch bei der Qualität und den Ideen. Natürlich drängt sich insbesondere der Vergleich mit den Stallgefährten auf, also der fast zeitgleich erschienenen faßt-CD von Rehberg & Bauer. GM wirken etwas leichtfüßiger, haben mehr Industrial- und weniger E-Anteil. Ihre Geräusche sind eher identifizierbar, mitunter scheint gar der eine oder andere Melodiefetzen durch. Ein bißl Schmäh und weniger Intellektualität. Doch strenggenommen bewegen sich beide Digitalscheiben in ganz unterschiedlichen Kontexten - sozusagen Abfahrt versus Slalom - und verweigern sich dadurch letztlich einem sinnvoll wertenden Vergleich. Und das ist gut so.
Kontakt:
www.mego.atFranz Liebl
Audioview, AUDIO-001
CD, B 1995
Lowlands gehört für mich zu den interessantesten Neulabels überhaupt. Die Belgier führen zum einen das Trip-Hop-zentrierte Sublabel namens Downsall Plastics, das uns bereits mehrere geniale Scheiben wie Little Aida oder die housige NWW-Hommage von Buscemi servierte. Audioview ist das zweite Standbein, gewidmet der »dislocated electronic turbulence«. Exotik und Rätselhaftigkeit können als die beiden zentralen Wesensmerkmale dieser CD gelten. Dies beginnt bei der Betitelung, die wie zufällig aus semi-vertrauten Fragementen zusammengestzt scheint, zieht sich weiter durch bis zu den Coverbildern, auf denen man ebenfalls bekannte Bruchstücke zu erkennen glaubt, welche letztlich aber keine Gestalt annehmen. Und auch die Musik entspricht dieser negativen Kontextualisierungsstrategie. Musik? Konkrete Geräusche, deja-entendus zuhauf, doch weder akusmatischer Film noch abstrakte Klangtextur ergeben sich. Sobald das eine sich herauszukristallisieren scheint, verschwindet es und sein Gegenstück schlägt durch. Eine Doppel-Strategie, die gewisse Parallelen zur bildnerischen Arbeit von Art & Language aufweist. Da letztere eindrücklich bewiesen haben, daß sich Intellektualität und Sinnlichkeit eines Werks bei einer solchen Arbeitsweise nicht auszuschließen brauchen, darf der Leser darauf vertrauen, daß dies auch für die vorliegende CD gilt. Und zwar ohne Einschränkung.
Kontakt:
Audioview/Lowlands, Hoornstaraat 6, B-2000 Antwerp lowlands@innet.beFranz Liebl
Audioview, AUDIO-004
CD, B 1998
Gibt es eine bessere Empfehlung als die Tatsache, daß die Hamburger Morgenpost eine CD rezensiert, dazu einen etwas ratlosen Kommentar abgibt und ob dieser Ratlosigkeit vorsichtshalber das Prädikat »so lala« (= Daumen waagerecht) verleiht? Selbiges passierte kürzlich im Falle der vorliegenden CD, »Das Fieber der menschlichen Stimme« von Klangkrieg. Die zwei Hamburger Felix Knoth und Tim Buhre veröffentlichten ihre jüngste Arbeit auf dem belgischen Audioview-Label. Immer wieder dominiert von Schlaf- und Atemgeräuschen sowie Stimmen, produzieren Klangkrieg eine Musik, die man mit gutem Gewissen dem Bereich Elektroakustik zuordnen kann. Ursprünglich war das fast zwanzigminütige Titelstück konzipiert für 8 Lautsprecher und einen »fliegenden Videoschirm« - ein Konzept für das ArtGENDA 96 Festival in Kopenhagen, dessen VR-Simulation auf dem Inneren des Booklets abgebildet ist. Doch auch wenn die CD nicht in der Lage ist, dieses Konzept identisch zu reproduzieren, bleibt auf zwei Kanälen ausreichend Intensität übrig, um den Hörer auf Dauer zu fesseln. Mit allen ihnen zur Verfügung stehenden technischen Mitteln dekonstruieren Klangkrieg menschliche Stimmen bis zur Unkenntlichkeit: die Diktatur der Präzision, so ihre These, führt zu so extremer Fragmentierung und Kleinteiligkeit, daß Kontext und Gesamtbild verloren gehen. Sie liefern damit ihren Beitrag zum Thema Infowar, den sie durch die Verschmelzung von Biologie und Technologie realisiert sehen. Ein ambitioniertes Konzept, dessen Umsetzung ebenfalls überzeugen kann.
Kontakt:
Audioview/Lowlands, Hoornstraat 6, B-2000 Antwerp lowlands@innet.be Klangkrieg, Krausestr. 6a, 22305 Hamburg Felix_Knoth@magicvillage.de oder gagarin@iworld.deFranz Liebl
Ampzilla's Delight
CD-ROM, D 1999
Der Mann mit dem Koffer verläßt die Tiefgarage, beobachtet von einer Reihe Aliens. So will es das Cover der CD von VASC aus München. Ein neuer Electronic-Act aus der Partyhauptstadt? Mitnichten. VASC verkörpert eine längere Tradition als alle Kölner Elektroniker zusammen. Die Wurzeln: z. B. die Ankles, Frühachtziger-Cassettentäter und Mutter aller deutschen Residents-Hommagen; z. B. Kwalität 100%, deren Loops aus dem Jahr 1984 ich der aktuellen und hoch gehypten Sandbenders-LP auf Craft jederzeit vorziehen würde; oder z. B. Ampzilla's Delight, die Mitte der 80er eine strange, aber höchst eingängige Mischung aus Rock'n'Roll und Elektronik-Pop produzierten. Anders als bei so mancher FAZ steckt dahinter wirklich ein kluger Kopf. Denn wohlüberlegt hat Gerhard Schedel, der Kopf hinter VASC - das steht für Vintage Analogue Synthesizer Collection - sein Analog-Equipment niemals verschleudert. Heute klingt es aktueller denn je. VASC ist federleicht groovendes Electronic Listening der gehobenen Klasse und brilliant produziert; es braucht keinen Vergleich mit den geistesverwandten Berlinern von Basic Channel und Chain Reaction zu scheuen. Wer Monolake mag, wird die Filterarbeit von VASC, die besonders auf dem zweiten Track (»TDM«) bis zum nie gehörten Exzess getrieben wird, lieben. So sorgt der Miniaturencharakter der erwachsen gewordenen Schedel-Loops letztlich nur für eines: den Wunsch nach mehr.
Kontakt:
Gerhard Schedel, Elisabethstr. 39, 80796 München vasc1@t-online.de vasc.virtualave.netFranz Liebl
Algen, CD-022
3"-CD, D 1996
Das mir bis dato unbekannte Berliner Label namens Algen markiert mit dieser Miniatur-CD einen souveränen Konterpart zu der berühmten Metamkine-Reihe Cinema pour l'oreille. Das kleine Scheibchen enthält eine Kooperation von Tony Buck und dem in Industrial-Kreisen wohlbekannten Australier Rik Rue (siehe SIAM·letter Vol. 9). Während Buck für die diversen Drums und Percussions sorgt, war Rik Rue in bewährter Manier für die Manipulation und das Looping von Tapes zuständig. In der 3-teiligen Suite »Come Let Us Build Ourselves A City« werden beide Musiker in reizvolle Beziehung zueinander gesetzt. Soll man das Free-Music nennen, oder gar Jazz? Ich votiere für Drum&Tapes, nicht zuletzt deswegen, weil die Produktionsbedingungen einander offensichtlich recht nahe stehen. Als aktuelle Konkurrenz zu Buck/Rue mag man vielleicht Derek Baileys »Guitar, Drums & Bass« sowie Evan Parkers »Toward the Margin« sehen. Die souveräne Energie und Wildheit dieser Mini-CD erreichen die anderen beiden jedoch bei weitem nicht. Mir würde eine Wahl daher leichtfallen. Eine furiose Miniatur.
Franz Liebl
Warp, WARP-92
CD/LP, UK 1997
Ebenso berühmt wie umstritten, hat Tom Jenkinson auf Warp, Spymania und Worm Interface immerhin eine Reihe von jazz-orientierten Drum&Bass-Meilensteinen gesetzt. Dagegen kann ich die Alben nach »Hard Normal Daddy« schlechterdings nicht ertragen - einige schon wegen der Covers. Von der b/w-Tamagotchi-Pixel-Ästhetik der »Big Loada« fühle ich mich dagegen spontan angezogen. Die Überraschung ergibt sich dann vollends beim Anhören. Das erste Stück hätte ich im Blindtest eindeutig als Aphex Twin identifiziert. Hymnische Synthies mit Prasselbeats, sehr gelungen. Erst danach kommt es zum Drum&Bass. Allerdings derart aufgespeedet und überdreht, daß man allenfalls von D&B-like sprechen kann. Weitere Aphex-Twin-soundalikes und Salven von infantilen Micky-Maus-Breakbeats folgen. Ist dies Einfallslosigkeit oder gar Identitätsmangel? Indes - darf, wer Autorenbreakbeat als Schimpfwort auffaßt, Identitätsmangel als Nachteil sehen? Es scheint beinahe, als wollte Squarepusher diesem überflüssigen Diskurs ein pfiffig-dialektisches Statement entgegensetzen. Daß es auch noch gut klingt und Spaß macht, kann man nur begrüßen.
Franz Liebl
Vague Terrain, VAGUE 0
CD, USA 1997
Matmos, ein Duo bestehend aus Drew Daniel und m. c. Schmidt (sic!), haben mit Ihrer CD, die die Seriennummer Vague 0 trägt, einen Volltreffer an obskurem Electronic Listening gelandet. Die Marginalien zu einigen ihrer Stücke sprechen Bände: »black plastic tape recorders vs. the HiHat Choir«, »bass sound sampled from the amplified synapse of crayfish neural tissue on display at the Exploratorium« oder »composed entirely from sounds directly sampled from a $5.00 electric guitar«. Der anarchische Charme dieser Platte läßt nichts zu wünschen übrig. Angesichts dieser unterhaltsamen Konzeptkunst verzeiht man sogar die eine vorhandene triphoppige Passage. Besonders angenehm fällt nicht zuletzt auf, daß die Anarchie nicht auf Kosten der Klangqualität gegangen ist; und das kryptische Cover ist schlicht klasse.
By the way, wer wissen will, was solche Kunstterroristen mit etabliertem Klanggut anstellen, sollte sich ihre Björk-Remixe der aktuellen »Alarm Call« nicht entgehen lassen. So gut und respect-voll wie Matmos haben nur noch :funkstörung. dieses Wunder an Modulationsunfähigkeit durch den Mix-Wolf gedreht.
Franz Liebl
Chrome, 017
12", D 1997
Disorder - noch ein neuer Act auf Chrome? Mitnichten. Man übt sich, schon wie jüngst bei der hervorragenden Chrome 13, in der Kunst der Rekombination: Disorder sind, darüber gibt schon das Plattenlabel willig Auskunft, Panacea + Problem Child. Beide haben qualitätsmäßig wechselhafte Zeiten hinter sich, nicht alles, was auf Chrome in letzter Zeit herausgekommen ist, konnte gehobenen Ansprüchen gerecht werden - so z. B. Chrome 16 (zweite Heinrich at Heart). Vergessen wir die Vergangenheit, mit Disorder ist Industrial-D&B endgültig als legitime Spielart etabliert. Metallgeschepper in der Tradition von Test Department und Sink Manhattan findet sein Komplement in zielgenauen Tiefbaßschlägen. Das Ergebnis kann man nur erstaunlich nennen. Während Chrome 13 sich trotz seiner Brutalität und Energie noch strikt innerhalb der Grenzen des No-U-Turn-Paradigmas bewegte, wäre Darkness im vorliegenden Fall nicht nur purer Euphemismus, sondern klar die falsche Baustelle. »Revenge« verkörpert die Rache des untoten Industrial an Drum&Bass, und »System Check« ist seine neue Hymne.
Franz Liebl
Position Chrome, PC-24
12", D 1998
Chrome? - Klingt doch alles gleich! Ein Vorwurf, der sich seit den ersten Panacea-Platten nicht zu Unrecht gehalten hat. Wie in der Disorder-Rezension angedeutet, heißt das nicht, daß Differenzierungen des Qualitätsniveaus möglich gewesen wären. Doch hier haben wir sie, die erste Chrome seit langem, die wirklich anders ist. Obwohl der Titel wieder eine wüstere Gangart suggeriert, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. Klar geht es in »Attackship on Fire« immer noch zur Sache, doch mitten drin kommen merkwürdig melodiöse Synthie-Spuren ins Spiel. Dies mag kontroverse Reaktionen auslösen: Hardliner mögen da Kitsch wittern, Gefühl und Härte trifft den Kern meiner Ansicht nach besser. Trotz des etwas unmotivierten Geklöppels gegen Schluß des Tracks auf jeden Fall ein Titel, der gerade durch seine Eigenheiten im Gedächtnis länger als die berüchtigten drei Minuten haften bleibt.
Noch ein Stück gereifter präsentiert sich die Flipside »Masters of Orion«, die man eher irgendwo im Reich des Ambient verorten würde. In ein Downtempo-Breakbeat-Intro mischen sich plötzlich tiefdrohende, auf- und abschwellende Frequenzen, die von Dark-Day-liken Synthie-Motiven begleitet werden und dem Titel geradezu mörderische Hitqualitäten verleihen. Wer erinnert sich überhaupt noch an Dark Days geniale 1980er LP »Exterminating Angel« auf Lust/Unlust, deren wahre historische Tragweite sich offenbar erst zum Jahrtausendende entpuppt? So ist das nun mal mit der Pop-Geschichtsschreibung, die nie vor Überraschungen sicher sein kann und schon so manches schwache Signal überhört hatte. Andere sind da vorsichtiger als der hermeneutische Methodenoptimist Ullmaier: auf die Frage, welche Auswirkungen die französische Revolution auf die Weltgeschichte habe, soll Chu-En-Lai einst geantwortet haben: »Das läßt sich heute noch nicht sagen.«
Franz Liebl
Lux Nigra Vinyl, LNV-01
DoLP, D 1998
Eine Kompilation, wie man sie seit langem vermißt hat. Obskure Namen, die man noch nie gehört hat. Geographisch kaum zuzuordnen, selbst nach mühevoller Lektüre des Augenpulver-Beiblatts, das kryptisch ausfällt wie die berüchtigten e-mails von v/vm. Eine Ausnahme gibt es; Thaddi dürfte den de:Bug-Lesern als Rezensent von industrial-affinen Produkten ein Begriff sein. Damit ist das Programm von Biophilia Allstars umrissen. Diese Non-Stars bearbeiten das Bermudadreieck Industrial-Techno-Ambient mit vielen Mitteln und aus vielen Perspektiven. Mit Blick auf das Ergebnis hat es nur genützt: Ein abwechslungsreicher Sampler ohne Techno-, Collagen- oder Harsh-Noise-Klischees. Zu hoffen bleibt, daß weitere Projekte folgen.
Franz Liebl
Soundlab Cultural Alchemy, LABCD1
3" CD, USA 1997
Diese Miniatur-CD dokumentiert einen akustischen Beitrag zur 1997er Whitney Biennale, die hier in Europa, wenn sie nicht sowieso im documentax-Biennalen-Taumel unterging, so doch heftig verrissen wurde. Beginnend mit einigen Minuten Found Sounds, fangen nach und nach Drumcomputer, allerlei Elektro-Stuff und Schlagzeug an, sich einzuschalten. Was aus den Fragmenten eine richtig schöne Illbient-Veröffentlichung macht. Die Props an DJ Spooky und Asphodel auf dem Cover waren da schon erste schwache Signale. Wer Valis I und II mochte, kann hier unbesehen zugreifen, darf sich aber auf noch etwas weniger Struktur und einen hohen Collagierungsgrad gefaßt machen. Wir haben es mit 20 angenehmen, aber nicht immer mitreißenden, Minuten zu tun. Mit anderen Worten: die kulturelle Alchemie funktioniert generell, muß aber nicht immer Wunder wirken. Vielleicht sollte man sie einfach mehrmals anwenden.
Franz Liebl
Via Satellite, V-SAT 2525
CD, UK 1998
Ich gebe zu: Mein derzeitiger Lieblingskult heißt The Mount Vernon Arts Lab. Sie als ein Add N to X Soundalike zu bezeichnen, wie hier geschehen, charakterisiert ihre Fähigkeiten nur unzureichend. Die Space-Age-Phase wird vor allem von Nova repräsentiert, die kaum erhältlichen 7"es und die wenigen Sampler-Beiträge (auf »Trunk Presents The Battle of Bosworth« und »Enraptured Sunday Sept. 14th '97« zeigen dagegen MVAL in der Regel als Produzenten flächiger Drones. Nochmals völlig anders fällt die erste CD aus, auf der Exkursionen ins Reich des Industrial stattfinden. Titel wie »Cabaret Volt Age« zeigen an, woher der Wind bläst, auch wenn dieser Track erklärtermaßen eine Hommage an »die erste Discothek« sein will. Wie Add N To X spielen hier MVAL mit amoklaufender Elektronik (»death-throes of overloaded circuit-boards systematically destroying themselves«), wenn auch mit etwas anderem Ergebnis. Wenn MVAL versprechen »circuit bending provides some of the most astounding, consuming, interesting and surprising noises available«, so habe ich dem eigentlich wenig hinzuzufügen. Gummy Twinkle mit seinen 10 Kooperationsprojekten in Sachen Klangerzeugungsforschung gehört sicherlich zu den CD-Highlights des abgelaufenen Jahres.
Kontakt:
MVAL, c/o Cooler Records, P.O. Box 7001, Glasgow G44 4YZ, Scotland, United KingdomFranz Liebl
Trauma, TRCD1
CD-ROM, UK 1998
Die neben Thurston Moores »Root«-Projekt im Staubsaugerbeutel genialste CD-Verpackung stammt derzeit von Noise/Girl aus Großbritannien: ein Muff aus ultra-grell-pinkem Flokati, wie aus einer Sylvie-Fleury-Installation. Auch wenn die Leute vom Ambient-Soho-Laden die CD etwas schamhaft hinterm Tresen versteckt hatten, das Produkt leuchtete so deutlich, daß Nachfragen unweigerlich kommen. Ein Design mit hohem Habenwollen-Faktor, wie sonst nur bei einem New Beetle oder der neuen S-Klasse. Was jedoch noch längst nicht die Tauglichkeit zum akustischen Objekt der Begierde besitzen muß. Doch weit gefehlt, nach einer langdauernden Hörsitzung bei Ambient Soho mit viel Hardcore-Drum&Bass, Industrial-Techno und allerlei exotischen Electronica war der Genuß dieser rosaroten CD eine erfrischende Klangdusche. Selten habe ich harsh-noise als so erfrischend erlebt wie auf dem einleitenden original tokyo mix, unzweifelhaft eine Hommage an all die gnadenlosen Lärmer aus dem Land der roten Sonne. Der folgende Super Disco Remix davon entpuppt sich dann ein lupenreiner Minimaltechno, gewissermaßen die Ruhe vor dem Sturm, bevor wieder ein »un-cute Mix« - fast so etwas wie der Versuch einer Synthese aus beiden Vorgängern - auf den rauhen Boden der Tatsachen zurückführt. Noise Girl verhält sich also zum Buenos-Aires-Elektronik-Sampler wie sein schrill-pinker Flokati zum brav-babyrosafarbenen Häkelcover jener Kölner Produktion. Welchen Geniestreich werden uns die Bunnies von Noise/Girl als nächstes servieren?
Kontakt:
homepages.tcp.co.uk/~traumaFranz Liebl
Trauma Corporation Products, TRCD2
CD-ROM, UK 1999
Was sie uns als nächstes servieren? Harsh Noise vom Feinsten. Das bedeutet für mich schon fast eine Contradictio in adjecto, weil ich eigentlich des Harsh Noise oftmals überdrüssig bin. Hier kann ich aber nur sagen: es tut so weh, und es tut so gut. Ich weiß leider auch nicht, warum und wie es Noise/Girl schafft, vermeintlich abgegeriffene Industrial-Klischees zum Leben wiederzuerwecken und unverbraucht wie am ersten Tag klingen zu lassen. Aber ich hatte, selten genug, nach dem ersten Durchgang das unbedingte Bedürfnis nach einem Da Capo. Noise/Girl macht fast süchtig.
Vielleicht liegt es am Timing, vielleicht auch an der präzisen Portionierung der einzelnen Zutaten: Pfeifen, Zerren, Stimmensprengsel, dynamische Schattierungen und Modulationen im Sound. Noise/Girl alias Luke Oram hat hier zweifelsohne ein zweites Meisterstück abgeliefert. Und auch was das Cover betrifft, braucht »Sun Eater« sich nicht hinter dem Erstling zu verstecken: ein fette Industriestandard-Schraube mit ebenso fetter Industriestandard-Mutter dient als Verschluß des vergewaltigten Industriestandard-CD-Case. Die Sicherheit, mit der Noise/Girl Gesamtkunstwerke realisieren, erscheint schon fast suspekt. Sollten wir hier vielleicht einer genial-dreisten Industrial-Persiflage aufgesessen sein? Werden wir es jemals erfahren? Fürwahr, das nagt...
Kontakt:
noisegirl@hotmail.comFranz Liebl
Suction 004
CD, US 1999
Warum Musik aus Amerika enormen Marktanteil bei innovationsträchtigen Veröffentlichungen verloren hat, mag mir nicht so recht einleuchten Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele, so neben Plug Research, Phthalo und DropBeat das kanadische Label Suction. Nach zwei Einstiegs-Split-EPs mit Solvent, Lowfish und David Kristian sind jetzt die ersten CDs erschienen; nach der Solvent CD nunmehr auch die erste von Lowfish. »Lowfish acknowledges the influence of Skinny Puppy, Autechre, Giorgio Moroder and OMD.« Das hört sich schlimmer an als das Ergebnis, da die Zeitgenossen von Autechre die Urväter deutlich dominieren. Lowfish alias Gregory de Rocher geht allerdings straighter zu Werke als seine britischen Inspiratoren. Seine Titel sind weit weniger vertrackt und hymnischer angelegt; vielleicht besteht darin genau das OMD-Erbe, das Lowfish anzutreten vorgibt. Nichtsdestoweniger finden sich sehr schöne breakbeat-durchsetzte Nummern neben dosiert verhalltem Dub-Stoff und den wenigen eher downbeat-orientierten Stücken. Elektropop auf der Höhe der Zeit eben.
Was bei jedem Hördurchgang dennoch auffällt, ist die kleine Durststrecke, die die CD zur Mitte hin durchmacht, nachdem der Einsteig ausgesprochen gelungen ausfällt. Daß etwa ab Track 12 dann zu einem furiosen Endspurt geblasen wird, der einem schließlich die Begeisterung zurückbringt, zeugt vom Potential, das Lowfish zweifellos besitzt. »Fear Not the Snow...« vermittelt daher einen guten Zugang zu einem der wichtigsten neuen Labels und mag von manchem gar als Suctions bisheriger Höhepunkt angesehen werden.
Kontakt:
Suction, 67, Simpson Ave., Toronto, Ontario, Canada M4K 1A1 suction@interlog.comFranz Liebl
Plug Research, PR15
CD, US 1998
Der Berliner Techno-Versender Hardwax hat seine Nicht-Techno-etc.-Rubrik etwas geheimnisvoll »Strange Music« getauft. Von hartgesottenen Lärmhämmern über E-nahe Musik und Free-Jazz-infiltrierte Österreicher ist darin so ziemlich alles zu finden. Wenn aber derzeit unter den zahlreichen Neuerscheinungen in dieser Rubrik eine Veröffentlichung existiert, für die diese Bezeichnung wie geschaffen ist, dann »Approximate Love Boat« von Low Res, natürlich auf Plug Research. »Strange Music« darf man hier ohne einen Fehler zu machen, mit »Schräge Musik« übersetzen. Und selbst dem abgebrühtesten Industrial- oder Avantgarde(?!)-Hörer sollte während der Laufzeit dieser »Mistaken Alien Interpretations of Earth Music« - so der Untertitel - das eine oder andere mal »Oh mein Gott, ist das schräg« entfahren. Techno-FreeJazz-Swing aus dem Orbit, über Kurzwelle empfangen, auf Shellack umgeschnitten und schließlich midifiziert - oder mumifiziert? Zigeuner-Jazz-Ambient durch die Gleichlaufschwankungs-Maschine gedreht und mit Deepest House versetzt? Die Beispiele merkwürdigster Kombinationen und Relationierungen ließen sich beliebig fortsetzen. Das Ineinanderverweben von a priori widersprüchlichen Strukturen und Elementen hat meines Wissens niemand bisher so weit getrieben wie die Aliens aus dem Low Res-Lager. Ein Element taucht jedoch immer auf: Jazz, Jazz und nochmals Jazz. Die Wirkung ist hypnotisch. Alec Empires wahrhaft tolle »Hypermodern Jazz« mutet gegen diese süchtig machende Pervertierung der Fusion-Musik insgesamt altbacken an. Manche werden diese CD hassen; andere werden wünschen, sie solle nie zu Ende gehen.
Kontakt:
www.plugresearch.comFranz Liebl
die permanente URL für dieses Dokument lautet: http://www.siam-online.org/10_avanthard/rezension_audio.html
Sollten Sie Probleme mit dieser Seite haben, wenden Sie sich bitte an den Webmaster
Letzte Aktualisierung: 05-Mar-03 um 15:34 Uhr
© 1996-2002 Society for Industrial Arts and Music e.V.