Remember the three central laws of forecasting:
1) Forecasting is very difficult, especially if it´ about the future.
2) If you must forecast, forecast often.
3) If you´re ever right, never let ´em forget it.
(E. R. Fiedler in Across the Board #6/1977)
»Stand bereits im SIAM·letter«
anon.
10 Jahre SIAM· heißt 10 Jahrgänge SIAM·letter. Zeit für einen kleine Bestandsaufnahme - die standesgemäß im Editorial stattfindet, seit jeher Ort unserer - manchmal quälenden, manchmal aggressiven - Selbstreflektionen und Zeitdiagnosen. Als Trendletter zur Industrial Culture - whatever that means - hat der SIAM·letter schon von Anfang an die Relevanz von industrial-fremden Themen für den eigenen Kontext herausgestellt. Einige Beispiele sollen genügen: etwa die theoretischen Betrachtungen des Peter Weiss über den futuristischen Minimalismus von Acid-Hauss in den Jahren 1989 (Heft #1) und 1990 (Heft #1), die man andernorts jetzt eine »Revolution, die niemand geblickt hat« (Spex 1998) nennt; das Portraitieren von Chicago als dem Next Big Thing im Jahr 1988 (Hefte #1 und #2), das es 5 Jahre später denn auch geworden ist; Berichte über die Weilheimer Hausmusik-Produktionen im Jahr 1993 (Heft #2), die seit einem Jahr die deutschen Polls abräumen und Dauer-Airplay in deutschen Universitätsradios genießen. Von 1991 an schrieb über Jahre hinweg Lutz Schridde, ein Redaktionsmitglied der damals frisch gegründeten Frontpage, Techno-Rezensionen für den SIAM·letter. Eine Besprechung des Frontpage-Magazins erfolgte übrigens im gleichen Jahr (Heft #2) und gehörte zu den ersten überhaupt. Lutz Schridde war es auch, der an dieser Stelle immer wieder die Erneuerung des Industrial durch die neue elektronische Dance-Music gefordert hat und für ein neues Verständnis von Industrial plädierte. Und schließlich diskutieren wir schon seit 1995 (Heft #1) die tiefgreifenden Wandelprozesse, der die Musikindustrie und der Tonträgerhandel durch das Internet ausgesetzt sein werden. »Stand alles bereits im SIAM·letter« hat sich seit 10 Jahren hartnäckig als running gag in der Redaktion halten können, wenn einer von uns hoffnungsfroh mit einem hochgehypten neuen Trend aus dem Semi-Underground der Pop-Presse aufkreuzte. Sich als sporadisch erscheinende Publikation dem Aktualitätsdruck entziehen zu können, war für uns seit jeher ein bedeutender Vorteil, wenn es darum ging, Szenarien gründlicher zu durchblicken statt Trends schneller nachzuplappern. Hierzu, so die These, bedarf es im übrigen auch eines anderen Avantgarde-Verständnisses, als dies gewöhnlich der Fall ist. Dies gilt speziell im Vergleich zur sogenannten »Pop-Theorie«, die sich seit neuestem oft mit dem Etikett der Cultural Studies schmückt.
Es gilt also Mythen zu diskutieren, die sich auf Avantgarde im allgemeinen und subkulturelle Spielarten im speziellen beziehen. Industrial historisch in der Tradition der 20.-Jahrhundert-Avantgarden und avantgardistischen sozialen Bewegungen (z. B. Situationisten) zu verorten, ist eine Sache; dem old-school-geprägten Industrial jedoch das Avantgarde-(Bewußt-)Sein schlechthin zu unterstellen, darf zu Recht als abwegig angesehen werden. Doch im gleichen Atemzug schiebt dem Leser die meist adornitisch inspirierte Pop-Theorie eine ganze Reihe von Mythen über Avantgarde und Subkultur unter. So vor allem in den Buchpublikationen des Mainzer Dreieck-Verlags und dem Schwesterblatt Testcard.
Mythos Nummer 1 ist der Trickle-Down-Mythos, der unterstellt, daß alles Neue von der Avantgarde ausgeht und nach und nach von oben (= avantgardistische Elite) in breite Kreise (= nach unten) hineindiffundiert. Daß die selbsternannte Avantgarde jedoch seit jeher die Populärkultur auf der Suche nach neuen Kicks geplündert hat, wissen wir nicht erst seit der Erfindung des Wortes Postmoderne (stand bereits im SIAM·letter Heft #1, 1991).
Kommen wir zu Mythos Nummer 2, der in der Pfalz besonders gern gepflegt wird. Man könnte ihn Subkultur-Mythos nennen und wie folgt beschreiben: Das subversive Potential von Subkulturen macht diese besonders avantgarde-fähig. Auch hier spricht die Empirie eine andere Sprache. Denn Sarah Thornton hat in einer breitangelegten Studie, die unter dem Titel »Club Cultures« veröffentlicht wurde, gezeigt, daß sich »Subkulturen« von anderen (Jugend-)Szenen wesensmäßig in nichts unterscheiden. Mit anderen Worten die Subkultur-Eigenschaft ist ein reines Zuschreibungsphänomen, das meist durch Massenmedien produziert wird, und damit keine inhärente Eigenschaft. Folglich steht der Dissidenzvorteil von vermeintlichen Subkulturen gegenüber Otto Normalverbraucher auf reichlich tönernen Füßen. Was heute gegenüber der Musikindustrie wirklich subversiv wirkt, ist ausschließlich die Tatsache, daß Millionen braver Computerkids MP3-Dateien aus dem Internet herunterladen und auf diese Weise wesentlich mehr ökonomischen Druck ausüben, als es alle Indie-Labels der Welt je vermochten.
Mythos Nummer 3, der Subversionsmythos, darf als direkte Verlängerung von Mythos Nummer 2 gelten. Er geht von der Annahme aus, daß Musikkonsum, und praktisch ausschließlich dieser, zur Subversion beizutragen habe - und auch beizutragen vermag. Mit anderen Worten, der Musikkonsum wird geprägt von der Hoffnung auf »ein bißchen Subversion« statt auf »ein bißchenSpaß«. Mit der Folge, daß in allem Konsumierten dissidentes Potential vermutet - und schließlich auch theoretisch elegant hineininterpretiert - wird. Man könnte Mythos Nummer 3 auch vom sogenannten »Cultural-Studies-Mißverständnis« sprechen (siehe SIAM·online Vol. 9).
Der Umkehrschluß dieses Mythos führt uns zu Mythos Nummer 4 und besteht darin, daß Musikkonsum, der vermeintlichzur Subversion beiträgt, ex definitione avantgardistisch sei. Besonders weite Verbreitung genießt dieser Mythos unter denjenigen Pop-Theoretikern, die ihre Sozialisierung anhand von Punk-Rock erhalten haben. Wer nun feststellen muß, daß sein liebgewonnener Stil nunmehr endgültig zahnlos geworden ist, dem bleibt nicht anderes übrig, als wohl oder übel den Sprung auf die nächstjüngere Entwicklungsstufe zu wagen. Daß er dies schließlich für Avantgarde und Subversion halten wird (siehe Mythos Nummer 3), erscheint aus dieser Perspektive nur allzu verständlich. Denn, so die Devise, »ein bißchen Avantgarde muß sein«. Die Mechanik einer solchen Akkumulation subkulturellen Kapitals hat Sarah Thornton ebenfalls ausführlich beschrieben.
Der letzte und womöglich folgenreichste Fehlschluß, Mythos Nummer 5, besteht darin, daß (»dissidente«, »avantgardistische«, »subersive«, »subkulturelle« - you name it, we have it) Jugendkultur auch weiterhin primär musikzentriert sei. Karl Bruckmaier schrieb am 31.12.1998 in der SZ zu Recht über das Anderssein von Jugendkulturen: »Jene Pop-Theoretiker könnten also recht bekommen, die kühl feststellen, daß mit der Weigerung der 30- bis 50jährigen, älter zu werden, das Interesse der Jugendlichen an Pop als Ausdruck von Andersartigkeit, als emanzipatives Konstrukt nachläßt und abschweift in einst periphere Bereiche wie Werbung, Computerspiele, Kleidung« (stand bereits im SIAM·letter #2, 1993). Daß also gerade die Hoffnung der alt gewordenen Avant-Punks auf »ein bißchen Subversion« und »ein bißchen Avantgarde« dem musikalischen Underground das subversiv-avantgardistische Lebenslicht auszublasen droht, gehört zur offensichtlichen Dialektik postadornitischer Pop-Theorie und -Praxis.
Es lag für uns daher nahe, zwei - anhand o. g. Überlegungen eng verknüpfte - Avantgarde-Specials für dieses Jubiläums-Volume vorzusehen. Während sich »Add I to (T)« mit der Fortentwicklung des Techno durch Rückgriffe auf Industrial beschäftigt, verhandelt »Breakbeats of Disaster«, wie HardTechno und HardJungle dem Industrial neues Leben einzuhauchen vermögen. So wird das Konzept der Avantgarde ganz organisch von der Praxis des AvantHard unterwandert und schließlich ganz abgelöst. Denn offenbar besteht die Pop-Geschichte aus lauter seltsamen Schleifen der reflexiven Modernisierung. Die wohlgeordnete Welt aus den festgefügten Dichtomien Kulturindustrie--Subkultur, oben--unten und vorn--hinten taugt allenfalls noch zum argumentativen Bermuda-Dreieck. Wo sich jedoch alles im Spiel partieller Differenzen auflöst, entsteht Orientierung nicht mehr durch festgefügte Weltbilder, sondern durch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Das bedeutet für den SIAM·letter, ganz in der Tradition eines AvantHard, seit jeher: »Wo wir sind, ist vorn, aber wir können nichtüberall sein.« Wenn Theodor W. das geahnt hätte...
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Letzte Aktualisierung: 05-Mar-03 um 15:13 Uhr
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