[Home :: Cultural Studies :: AvantHard]

[Editorial :: Printmedien :: Tonträger :: ADD I TO (T) :: Breakcore :: Playlist]

Breakbeats of Disaster

Eine Topographie des Breakcore

von Franz Liebl

Übersicht:

Breakcore statt Darkcore: Was von Darkness übrig blieb

Alle Jahre wieder geht im Dezember der Retrospektiven-Virus durchs Land. Was waren die prägenden Ereignisse, die wesentlichen Trends der vergangenen 12 Monate - ganz so, als ob eine solche Abgrenzung ein Naturgesetz markieren würde. Allein die Abgrenzungsprobleme: nehme ich für meine Jahresbestenliste die heuer neu gekauften, neu gehörten oder nach Labelinfo neu erschienenen Veöffentlichungen, fragt sich mit Regelmäßigkeit der Gewissenhafte. Eine Antwort kann ihm niemand geben.

Vergessen wir daher die Hitlisten und ihre formalen Probleme und werfen einfach einen Blick auf bemerkenswerte Entwicklungen, die sich aktuell zu thematisieren lohnen. Ein ursprünglich geplantes Darkness-Special in SIAM·online ist beispielsweise dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Die These, daß Drum & Bass durch Darkness/Darkcore eine Neuformulierung von Industrial leisten könnte, hat sich letzten Endes bestätigt - und dabei gleichzeitig weit entfernt jeder Realität. Denn Darkness in der ursprünglichen Form wurde ein gutes Jahr lang zu Tode geritten wie andernorts nur noch das »Knowledge Management«, die »Neue Mitte« oder der »Reformstau«. Der »Ruck« ist ausgeblieben und Darkness nunmehr post-dark geworden, sozusagen Darkness ohne wirklich dark zu sein. Der alte Spruch über Punk, wonach er nicht tot sei, sondern eben nur streng rieche, paßt da verblüffend genau.

Sollte das schon alles gewesen sein? Waren Darkness, Darkcore und TechStep also vergebliche Liebesmüh, die man nunmehr einfach abhaken kann? Nicht ganz, denn die Diskussion um die härtesten Drum-Prügel und tiefsten Bass-Schläge hat einen Seitenpfad vergessen, vielleicht sogar erst eröffnet. Und just der hat - abseits des darken D&B-Mainstream - eine erstaunliche Vitalität entfaltet. Ich meine damit Hardcore-Jungle, Breakcore, Digital Hardcore, Noisecore oder Bio-Industrial, wie auch immer das Etikett lauten mag. In diesem Sinne äußerte sich auch vor einiger Zeit der Skam-Act Jega in der DJ-Wochenzeitschrift Update (#543, 18. Juli 1998). Er vertrat dort die Auffassung, daß »Drill & Bass« die einzige zukunftsfähige Spielart des Drum & Bass sei.

Kenner werden jetzt gelangweilt abwinken. Kennen wir alles schon, hatten wir bei Alec Empire, und dann bei Panacea, und dann auch noch bei vielen anderen (Position-)Chrome- und DHC-Releases - und zwischendurch auch bei Krust. Aber ganz so einfach ist es nun doch nicht. Klar, die Roots bzw. Ingredienzien lassen sich deutlich identifizieren: Alec Empires »The Destroyer« beispielsweise oder bösartiger Hard(core)-Techno vor allem französischer Provenienz, sowie die unvermeidlichen Breakbeats - sowohl am Jungle als auch am Techstep orientiert.

Jungle With an Attitude: Le Hardbeat Industriel

Fast unbemerkt von den einschlägigen Gazetten - gemeint sind nicht nur Spex und de:Bug, sondern auch Groove, Beam Me Up sowie die gängigen Fanzines/Flyers - hat sich eine Szene etabliert, deren Puls vor allem in London und Paris schlägt. Einer der Motoren dürfte in Industrial-Kreisen wohlbekant sein, nämlich der frühere Baseler Christoph Fringeli, der vormals ein Label und eine Zeitschrift namens Vision betrieben hat und für Veröffentlichungen von Formationen wie Melx und 16-17 verantwortlich zeichnete. (Wir erinnern uns: Stand damals im SIAM·letter #1, 1990)

Nun sitzt Fringeli in London und hat wiederum seine Finger in vielerlei Spielen, so etwa beim Label Praxis oder beim Fanzine Datacide. Letzteres entpuppt sich bei genauerer Lektüre als Zentrum einer unbemerkt etablierten Szene, die - nicht unähnlich SIAM· - die Schnittstelle von »Old-School Industrial« einerseits und neuerer elektronischer (Tanz-)Musik andererseits, vor allem Techno und Drum&Bass, thematisiert und bearbeitet. Wie gut man an dieser Verbindungsstelle voneinander lernt, zeigen die in Datacide verhandelten Themen und Tonträger.

Wozu Datacide, wird sich der eine oder andere Leser des Avantgarde-Establishment-Magazins The Wire fragen. Dort war unter dem Aufmacher »Harder! Faster! Louder!« letzten Oktober ein längerer Artikel über die Electronica's New Extremists erschienen. Aber ach, der Artikel über ein weltumspannendes Network aus V/Vm, Skam, Musik aus Strom, Schematic und Fat Cat entpuppte sich als eine Aufzählung uns hochsympatischer Klangproduzenten, die aber bestenfalls den Middleground abdeckt. Ein bißchen Peinlichkeit kommt da schon auf, wenn der Deputy Editor einer veritablen Magazin-Autorität derart danebengreift. »Fahrlässigkeit oder Vorsatz?«, raunt daher die Szene. Denn daß es problemlos harder, faster und louder als bei den Genannten geht, wissen Industrial-Zirkel zur Genüge. Und die Szene um Datacide beweist, daß dieses Erbe von einer neuen Generation mit frischen Ideen weitergeführt werden kann und der Underground tiefer wühlt, als es die Publikumszeitschriften konstruieren. Vielleicht sogar zu frisch und zu tief für die Crew des etablierten Wire?

Verfolgen wir die Gerüchteküche nicht weiter. Wechseln wir lieber die Kanalseite und schauen wir nun nach Paris. Dort befindet sich das zweite Standbein der europäischen Breakcore-Szene. Zum einen finden wir hier einen Laden/Vertrieb namens Sphénoïde bzw. Pirate Island, der seit wenigen Monaten existiert und sich nahe des Montmartre niedergelassen hat, zum anderen treffen wir wieder auf alte Bekannte aus dem Industrial-Bereich. In diesem Fall auf Isabelle, die vor Jahren das über die Landesgrenzen hinaus berühmten »Les établissements phonographiques de l'est« betrieb und nun den Wave-Plattenladen in der Bastille-nahen rue Keller führt. In dessen Industrial-Sektion findet man heute nur noch in Ausnahmenfällen die berüchtigten Gothic-Dunkelmänner vor allem deutscher Herkunft. Für sie wurde ein regelrechtes Dark-Wave Ghetto eingerichtet, das den traurigen Zustand des Genres nachhaltig dokumentiert. Ersetzt werden die notorisch langweiligen Gruftprodukte bei Wave in immer stärkeren Maß durch - le breakcore industriel und le hard techno. Der hält auch schräg gegenüber von Wave Einzug bei Black Label, der ersten Drum&Bass-addresse von Paris. Da kommt schon mal Alex von der Toulouser Piratenstation Radio Bomb vorbei, um Promos seiner neuesten Releases vorzuführen. Radio Bomb heißt auch sein Label, das neben einer mittlerweile vergriffenen Techno-PicDisc zwei der lärmigsten Industrial-Jungle-Scheiben ever publiziert hat. Beim Hören der Radio-Bomb-Platten wird einem auch schlagartig die Differenz zu den Panacea-Tracks bewußt. Der Metal-Einschlag, den man allenfalls ironisierend zur Kenntnis nehmen, aber eigentlich niemals richtig goutieren konnte, fehlt den Radio Bombs völlig. Statt Metal-Attitüde, die Panacea auch in seinem Outfit ebenso nachdrücklich wie peinlich-belustigend dokumentiert, finden wir hier echten Noise und pure Energie als Stilelement. Kurz, wer einmal diesen Unterschied kennengelernt hat, wird ihn nicht mehr missen wollen.

Unterschiede zu machen, darin besteht letzten Endes die wahre Kunst des Breakcore. Denn Breakcore ist kein Hardcore-Techno oder gar Gabber, der einfach nur das Bum-bum-bum-bum des 130-bpm-Four-to-the-Floor durch das aufgespeedete, verzerrte Bang-bang-bang-bang mit 200 bpm ersetzt. Breakcore hat eine attitude, die sich durchaus mit Industrial-Ursprüngen messen läßt - und damit ganz im Gegensatz zu dem steht, was Simon Reynolds vor Jahren als »'Ardkore Techno« beschrieben hat. Denn »Rage to Live« war damals lediglich gleichbedeutend mit »noch schnellerer Eskapismus«.

Leider geben sich in bezug auf Selektion die einschlägigen Plattenläden eher wenig Mühe, so daß die Suche nach den Breakcore-Rosinen manchmal einen langen Leidensweg des Durchhörens bedeutet. Denn auch Labels scheinen hier nicht immer stilsicher zu agieren bzw. selektieren zu wollen. Immerhin kann Datacide hier valide, weil geschmackssichere und lesbare, Hilfe bieten. Wie gesagt, ein echter Lichtblick, dieses Magazin.

Weitere Orientierungsmarken im im Dschungel des Hardcore findet der Leser in einem Magazin namens TNT, das man als französisches Gegenstück zu Datacide ansehen kann und dessen Nummer 6 mit einer Compilation-CD illustrer Hard- und Breakcore-Namen glänzt. Natürlich erhältlich bei Wave und Sphénoïde, läuft der Vertrieb über Hokus Pokus, einen Laden, der nur einen Steinwurf von Wave am Boulevard Richard Lenoir beheimatet ist. Vielversprechend hängen dort beim Betreten die Radio-Bomb-Shirts im Fenster, zahlreich die Abspielstationen, die aber schon bessere Zeiten gesehen haben. Bei Hokus Pokus, kein kleiner Laden also, kennt man im wesentlichen nur vier Kategorien von Musik: Techno und Hard Techno, Jungle und Hard Jungle. Es hilft nichts: wie bei Sphenoide, wo offen zugegeben wird, daß die Sortierung hochgradig »indiosynkratisch« geraten sei, kommt man nicht umhin, einfach alles zu durchforsten und zu testen. Das soll nicht heißen, daß hier kein Ordnung herrschen würde - gemessen an manchen deutschen Läden sind alle genannten überaus straff durchorganisiert. Insbesondere bei Hokus Pokus sollte man es tunlichst vermeiden, seine mühsam selektierten Exemplare irgendwo geistesabwesend abzustellen, da herrenlos erscheinende Platten binnen Sekunden wieder zurück an die angestammten Regalplätze zurücksortiert werden.

Zum Stand der Breakcore-Science in Deutschland

Deutschland ist von dieser ganzen Entwicklung weitgehend unberührt geblieben. Mit etwas Glück findet man hie (Optimal und Delirium, München) und da (a-musik, Köln; raw, Berlin; 33/45, Wien) die eine oder andere Scheibe. Man muß jedoch davon ausgehen, daß man diese Schätze irgendwo verstreut bei (oft verschämt verstecktem) Hardcore-Techno, Futuristic Drum & Bass, Ambient oder womöglich gar Asian Underground(!) zu heben hat - ohne detaillierte Kenntnis von Labels und Projektnamen, ohne eine reichliche Portion Zeit und ohne penetrantes Nachfragen bei kundigem(!) Ladenpersonal ein fast aussichtsloses Unterfangen. Von einem Mindestmaß an programmatischer Systematik kann man allenfalls bei Hardwax in Berlin oder Otaku und Container in Hamburg sprechen, wo man schon mal Labels wie Uncivilized World, Ambush, Amputate, Praxis oder das - eher technoide - Ript Skin in größerem Umfang bzw. als halbwegs gepflegten Backstock findet. Letzten Endes bleibt dies jedoch bescheiden gegenüber den Pariser Pendants oder dem Londoner Zentrum Ambient Soho in der Berwick Street. Nebenbei, auch die Filialen von Rough Trade in London und Paris (leider seit kurzem geschlossen) sind für die eine oder andere Breakcore-Entdeckung gut; es gibt sogar in der wöchentlichen Neuheiten-Mail von RT eine entsprechende Rubrik namens »Digital Hardcore« die neuerdings auch unter »DIGITAL HARDCORE ETC (KERRASSSHBANG ETC)« firmiert. Und seitdem Hans Platzgumer bei Optimal die D&B-Abteilung übernommen hat, soll auch dort der Breakcore mehr als nur anekdotisch vorkommen.

Mein erster Kontakt mit Breakcore, soweit ich es heute noch nachvollziehen kann, war Ende 1996 bei einer meiner Theorie-Performances, als nach meinem Vortrag legte Jan Werner von Mouse on Mars auflegte. Unter den vielen guten Tracks seines sets stach eine Nummer besonders heraus: ein Stück Breakcore, und zwar von :funkstörung.s »Breakart« EP. Es war einer der Momente, wo es einem wie Schuppen von den Augen fällt und ein Schleier plötzlich weg ist, wo man plötzlich die Quintessenz einer Sache begreift und auf einen Schlag merkt, worum es eigentlich geht: to know what Jungle is all about. Kurz darauf las ich eine Plattenbesprechung von :funkstörung.s Chris de Luca über eine den :funkstörung.-Arbeiten verwandten Jega-Maxi (Skam 006, auch auf dem »Skampler«); dort bezeichnete er diese Art von Music als »sehr industrial«. Womit sich der Kreis langsam schließt. Denn kurz darauf traf ich Chris zum ersten Mal in seinem Münchener Delirium-Laden. Auf seine »Industrial-Vergangenheit« angesprochen, meinte er, daß er bis vor kurzem diese ganze Tradition gar nicht gekannt habe, sondern rein intuitiv diesen Sound so nannte und mit ihm operierte. Erst jetzt im Nachhinein müsse er die verblüffenden Parallelen feststellen. (By the way, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, wurde auch in den Anfägen Industrial synonym mit »Industrie-Musik« als Sound-Assoziation gebraucht, nicht als bewußte Referenz auf das TG-Label!) Seither finden sich immer mehr New-School-Industrial-Veröffentlichungen auf den Leisten des Delirium-Ladens, beispielsweise vom v/vm-Label aus Manchester, das noch vor Jahresfrist in Deutschland praktisch nicht erhältlich war.

Chris de Luca war es auch, der mich bei einem meiner ersten Besuche mit einem frühen Meisterwerk des Breakcore vertraut machte und mir als fair bepreiste Second-Hand-Rarität überließ: Reloads Doppel-LP »A Collection of Short Stories« von 1993, die neben Autechre-nahem Ambient so manches frühe Meisterwerk des Breakcore aufweist. Und natürlich zeigen auch so manche Tunes Aphex-Twinscher Prägung oder Autoren-Breakbeat à la Squarepusher Züge desaströser Breakbeats. Als besonders schönes Beispiel aus neuerer Zeit mag da J.P. Buckles »Flyin Lo-Fi« gelten. Für den Einstieg leistet also das Rephlex- und Warp-Umfeld sicherlich eine gute Dienste, ebenso wie Ambient Sohos Label Worm Interface, das nach einer Reihe von Tom Jekinson/Squarepusher-Platten nunmehr mit Nichiyobi, Jake Mandell und dem absoluten Highlight Solar X drei Disaster-Breakbeat-CDs in Folge veröffentlicht hat. Und wenn man Glück hat, findet man vielleicht auch ein Exemplar von Gimiks E.P. »?!load-error« auf dem jüngst gegründeten Sublabel Toytronic.

Wer noch tiefer in dieses Industrial-Paralleluniversum eintauchen will, dem sei die Auswahl an Industrial Breakcore-Labels ans Herz gelegt. Wohlgemerkt, nicht alles dort Veröffentlichte verdient dieses Etikett im strengen Sinne, die Liste sollte eher als Orientierungsrahmen aufgefaßt werden. Mitunter ist auch die eine oder andere breakfreie HarshNoise-Perle in den Backcatalogues enthalten. Das wird wohl kein Schaden sein, nehme ich an.

[Home :: Cultural Studies :: AvantHard]

[Editorial :: Printmedien :: Tonträger :: ADD I TO (T) :: Breakcore :: Playlist]