Vor einigen Jahren hatte das Kulturreferat der Landeshauptstadt München alle Vereinigungen im Kulturbereich eingeladen, sich an einem Sonntagnachnmittag auf dem Gelände einer stillgelegten Fabrik zu präsentieren - natürlich auch die SIAM·. Mit Macintosh, SIAM·stack und Samples bewaffnet vertrieben sich Gerhard Rinnberger & Co. einen völlig verregneten Nachmittag zwischen der Töpferinnung, Exil-Schuhplattlern und diversen Multikulti-Inis im total verschlammten Zelt, um den wenigen schaulustigen Familienvätern und Alternativen zu erklären, was Industrial sein kann. An sich schon ein Bild für die Götter. Es sollte jedoch noch toller kommen.
Um das Schlam(m)assel der verkorksten Veranstaltung in Grenzen zu halten, bot das Kulturreferat danach an, einen Reader zu veröffentlichen, in dem jede »Gruppierung« (sic!) eine Textseite als Selbstportrait frei gestalten sollte. Mit der »Liberalitas Bavariae« war jedoch nicht zu spaßen: Wahrheitsgemäß gaben wir unter anderem an, uns für »industrialisierte Kunst« und »unökologische Musik« stark zu machen. Dies brachte uns umgehend eine pikierte Rückfrage seitens des Kulturreferats ein, das hier einen erhöhten Erklärungsbedarf sah - angesichts vermeintlicher political incorrectness.
Franz Liebl
Ambient [engl. für umgebender Musikstil, Seitenzweig von Dancefloor, der zum langsamen Entspannen nach zuvor genossener harter Tanzmusik dient]
aus: Matthias Horx/Trendbüro: Trendwörter Lexikon; Econ-Verlag, Düsseldorf 1994
The Wire Editions, WIRE-9001
CD, A 1995
Seit seinem Buch the Rap Attack und erst recht wegen seiner neuesten Arbeit über Ambient (»Ocean of Sound«) ist David Toop zum vielgepriesenen Autor avanciert. Nach zahlreichen verstreuten Veröffentlichungen - u. a. zusammen mit Max Eastley auf Enos Ambient Label Ende der 70er Jahre, als Mitglied der semi-japanischen Frank Chickens, als Kompagnon von Steve Beresford und Supporter für Ivor Cutler - tritt er nun mit einem dezidierten Solo-Werk auf den Markt. Ich weiß nicht, wieso diese CD ein Cover besitzt, das in der Anmutung durchaus mit der Begleit-CD zu Ocean of Sound (Ambient Records) verwechselt werden kann. Unnütze Vergleiche in der Presse waren jedenfalls die Folge.
Am Rande: den Ocean-of-Sound-Sampler konnte ich weder von seiner Anlage her verstehen (keine Parallelität zum Aufbau des Buches, was von der Didaktik her nahegelegen hätte), noch konnte ich den Inhalt als solchen goutieren. Nicht daß mich unbedingt die Tatsache gestört hätte, daß das Dargebrachte für meine Begriffe mit Ambient wenig zu tun hat; viel mehr hat mich enttäuscht, wie vorhersagbar die einzelnen Beiträge ausgefallen sind - eine Kompilation ohne besonderes Überraschungsmoment.
Um so gespannter war ich daher auf Toops Solo-CD Screen Ceremonies, die in einer Edition der englischen Experimentalmusik-Zeitschrift The Wire erschienen ist. Leider habe ich The Wire bislang noch nirgendwo zu Gesicht bekommen, die Platte macht jedoch, so muß ich gestehen, gehörigen Appetit.
Die von Toop gespielten Instrumente umfassen eine große Bandbreite von elektronischer und mechanischer Ausrüstung: verschiedenste Schlaginstrumente, Flöten, Gitarre, Steel Guitar, Schallplatten und den gängigen Standard eines Ambient-Elektronikers. Was dabei herauskommt, erinnert von der Stimmung her vielleicht noch am ehesten an die Alben von Jon Hassell. Wie auch immer, die Musik hat kinematographische Qualitäten, läßt sich als magisch, tropisch-schwül und - auf neuartige Weise - rituell bezeichnen. Ein Soundtrack, wie geschaffen für Steve Soderberghs Sex, Lies, and Videotape, das hier mit einem subsonischen Ritualmord enden könnte.
Wer sich nur oberflächlich mit Screen Ceremonies beschäftigt, der wird sie wahrscheinlich nur für ein weiteres mehr oder weniger »spekulatives« Ambient-Machwerk halten, dem wird sich die innere Spannung und der plot letztlich nicht erschließen. Dieses musikalische Kammerspiel lebt zu einem Gutteil von der Plastizität der Bilder, die der Kopf zu erzeugen in der Lage ist. Listening? - Damit ist es hier nicht getan.
Kontakt:
The Wire, 45-46 Poland Street, London W1V 3DF, United Kingdom; the_wire@ukonline.co.ukFranz Liebl
Smart Art Press/ Santa Monica Museum of Art: New York 1995, 286 S.;
Distributed Art Publishers ISBN 0-9646426-1-1, Paperback
CD, U.S.A. 1995
Als »Dialog zwischen Irischen, Mexikanischen und Chicano-Künstlern« konzipiert, macht Trisha Ziffs Sammelwerk bzw. Medienpaket, das anläßlich der Ausstellung »Distant Relations« entstanden ist, zunächst einen fast übermäßig politisch korrekten Eindruck. Die Formierung der Irisch-Mexikanischen Befreiungsarmee scheint zweifelsohne in der Luft zu liegen. Doch sollte sich keiner abschrecken lassen, denn Multikulti-Romantik ist hier nicht angesagt. Wer als Einstimmung die dreißigminütige CD mit den beiden irischen Beiträgen von Manuel Rocha Iturbide bzw. Roger Doyle hört, merkt das sehr schnell. Móin Mór fängt an wie ein Track von blackhumour. Merkwürdige Stimmen vernimmt man da; dieses gesampelte Irische Gedicht aus dem 8. Jahrhundert klingt fremdartiger als die berühmt-berüchtigte italienische Lautpoesie. Angereichert wird es mit Sounds von den Ereignissen des »Bloody Sunday« von 1972 und steigert sich in beklemmender Weise. Mit brachialen Schlägen von explosiver Dynamik führt Roger Doyle in seinen Track ein, der zudem von irischen Blasinstrumenten dominiert wird. Es folgen 18 Minuten von einer eigenartigen Exotik, die ich niemals mit Irland, eher schon mit industrialisiertem Folk in Verbindung bringen würde - etwa der Kategorie »Test Department meets Minnesänger«. Und irgendwo dazwischen ein Intermezzo von elektronischer USM. Derek Jarman hätte diese CD gut zur Vertonung seiner Filme, z. B. »The Last of England«, nutzen können. Müßte diese Rezension in spex erscheinen, würde ich ohne zu zögern von einem »Meisterwerk des post-kolonialen Ambient« spechen.
Das Buch selbst stellt eigentlich weniger einen Katalog denn einen reich und qualitativ hochwertig bebilderten Theorie-/Cultural Studies-Reader dar - mit durchaus originellen Themen. Eine stichwortartige Aufzählung der wichtigsten Kontextüberschreitungen soll hier genügen: die fraktalen Grenzen des Petticoats, das Wiederaufkommen des Kitsches, Irische Rapper, ...
Das Thema der Verschiedenheit von Kulturen wird hier nicht über die liebgewonnene und restlos abgehalfterte Dichotomie Identität/Differenz aufgerissen, sondern via Identität/Hybridität; d. h., nicht die Fremdheit, sondern der Schmelztiegel ist prägend für die Betrachtungsweise - eigentlich naheliegend, wenn sich sowieso alles im Spiel partieller Differenzen auflöst. Im Katalog wird frühe Rassenkunde zitiert, wonach der Typ Irish-Iberean dem Typ Negro wesentlich näher ist als der Typ Anglo-Teutonian. Voilà! Verwundert es da, daß die Irische Musik auf der CD einen derart starken Exotismus zu besitzen scheint?
Für alle Interessierten: Von Ende 1995 bis 1997 tourt die Ausstellung zwischen Birmingham (November 1995-Januar 1996), London (Februar-März 1996), Dublin (April-Juni 1996), Santa Monica (September-November 1996) und Mexico City (März-Mai 1997). Also, ab in den Charter-Flieger, um dem Eurozentrismus zu entkommen...
Kontakt:
Distributed Art Publishers, 636 Broadway, 12th floor, New York, NY 10012, U.S.A.
Franz Liebl
Tzadik/New Japan, TZ 7207
CD, U.S.A. 1995
»Verstörend« ist mittlerweile zur Lieblingsfloskel deutscher Plattenrezensenten geworden. Obwohl mir beim Gebrauch des Wortes nie so recht klar wird, was diese Schreiberlinge eigentlich damit meinen, möchte ich wetten, daß Death Ambient ein erneuter Kandidat für die Kategorie sein könnte.
»Death Ambient gehört. Geweint.«
Ein anonymer Kritiker.
Dabei trieft das Outfit der CD nur so vor Ironie. Angefangen vom Namen bis hin zu einem gold-schwarz-roten, gruftig-eleganten Cover. Was man in der Mitte auf den ersten Blick als Totenschädel von Spectreschem Zuschnitt zu erkennen glaubt, erweist sich bei längerem Hinsehen als Großaufnahme aus dem Mikroskop, wie Nummer 11 der Titelliste (»A Dead Staphylococcus Looks like a Skull«) beweist. Musikalisch setzen HidekiMoriFrith noch eins drauf, indem sie ihren Death Ambient reichlich kontextfremd anhand von Gitarre, Bass und Drummaschine realisieren. Selten so gelacht - aber auch selten so beeindruckt gewesen. Präziser: das ist so ziemlich das beste, was mir je an Frith-Veröffentlichung zu Gehör gekommen ist. Denn wie so oft steckt auch hier eine gehörige Portion Wahrheit in der Persiflage und gibt dem Gesamteindruck eine unvermutete Wendung. Will sagen, die Musik gibt nicht nur vor, Death Ambient zu sein, sie ist es. Indem die Persiflage etwas bislang Nichtexistentes parodiert und dekonstruiert, verhilft sie ihm zwangsläufig zur Existenz. Ist es da purer Zufall, daß das zweite Stück der CD eine perfekte zweite Stimme für Neil Youngs Endlosriff aus »Dead Man« (sic!) sein könnte? Hier trifft Ambient den No-Wave-Blues aus der Hochphase von DNA oder Mars.
Neben spannenden und unkonventionellen Soundscapes der Keiji-Haino-Kategorie hat Death Ambient vor allem eine Vielzahl von wüsten Gitarren-, Bass- und Drumausbrüchen zu bieten. Diese wurden von Toningenieur Robert Musso, der auch unter anderem Bill Laswells »Bass Terror« aufgenommen hat, kongenial abgemischt. Daß Transparenz bei so wenigen Instrumenten kein Problem sein würde, war ja zu erwarten, doch die CD strotzt darüber hinaus nur so vor Dynamik und Klangfarbenreichtum und reizt das zur Verfügung stehende Frequenzspektrum voll aus. Kompliment - das ist in jeder Hinsicht veritables High-End.
Kontakt:
Tzadik, 61 E. 8th St., Suite 126, New York, NY 1003, U.S.A.Franz Liebl
Atmosphere, AT 002
CD, D 1995
Da niemand jemals etwas von Arecibo gehört hat, vermeldet der Sticker auf der verschweißten Plastikhülle in fetten Lettern: »Dark Ambient by Lustmord«. Ein schlagendes Verkaufsargument. Was Dark Ambient genau meint, wird hier allerdings verschwiegen. Nur ein spartanischer Satz auf der Rückseite deutet es an: »data derived from cosmological activity as recorded by nasa's deep space network.« Frau Doktor Fiorella Terenzi scheint also konzeptionell Patin gestanden zu haben - was sich bereits im ersten Stück eindeutig verifizieren läßt. Und dabei wären wir schon bei der großen Schwäche dieser Scheibe angelangt. Wo man bei Fiorella Terenzi immer das scheinbar zufällige Zusammentreffen von wogenden Brüsten und wabernden Sounds mit schelmischem Augenzwinkern als wissenschaftlichen Traktat serviert bekommt, bleibt bei Arecibo zunächst nur abstrakte Frequenzmodulation gepaart mit konkreter Langeweile. Das Fazit ist klar: nur als Gesamtkunstwerk funktioniert der Himmelsl°rm, der in manchen Postillen sicher schon als »Cosmic Ambient« apostrophiert worden ist.
In meinem Fall hatte dies den Effekt, daß ich mehrere Male schon nach einer Viertelstunde mehr oder weniger entnervt den Kopfhörer abnahm oder den Inhalt des CD-Drehers wechselte. Etwas voreilig, wie sich herausstellte. Im Laufe der Stunde greifen Arecibo immer stärker in das Geschehen ein, indem sie rhythmische Strukturierungen vornehmen, Stimmen einstreuen und Para-Melodien freilegen. Nicht zum Schaden des Gesamteindrucks. Was dann herauskommt, ist ein frohen Herzens genießbarer Soundtrack für den Marlboro Space Cowboy oder das nächste West Space Adventure. Test it!
Kontakt:
Atmosphere/Dark Vinyl Records, Kettelerstr. 4, D-95652 WaldsassenFranz Liebl
Tall Poppies, TP036
CD, AUS 1993
Von Rik Rue, schon seit mehreren Jahren neben John Watermann mein favorisierter Australier, ist bereits vor längerer Zeit eine praktisch unbeachtet gebliebene CD auf dem mir unbekannten Label Tall Poppies erschienen. Ocean Flows markiert einen krassen Gegensatz zu den aufgekratzt montierten Geräuschwerken Rues, welche man sonst so wohlwollend konsumiert hat.
Wie soll ich das nennen, was sich da in rund 65 Minuten entwickelt: Vielleicht Ambient-Ambient? Hyper-Ambient? Oder gar Meta-Ambient? Mit anderen Worten, auf Ocean Flows befindet sich genau das, was der Titel sagt und was dem Klischee im Trendlexikon entspricht. Es sind Digitalaufnahmen von Küstengeräuschen, teilweise auch in Grotten oder an Felsen. Die Aufnahmen erfolgten spät nachts, um nicht von Fremdgeräuschen beeinträchtigt zu werden. Eine Nachbearbeitung in Form einer elektronischen Verfremdung fand nicht statt. Lediglich eine Equalisierung und »musikalische Strukturierung« wurde durchgeführt. Umwelt-Ambient Unplugged also, konform mit dem »großen Heimweh« nach dem Authentischen, das uns Trendforscher Horx seit Jahren geradezu zwanghaft diagnostiziert.
Indes, der konzeptionelle Purismus hat, wie man ahnen kann, seinen Preis: Je nach Tagesform empfindet zumindest der Rezensent beim Abhören dieser Soundscapes brennendes Fernweh oder tödliche Langeweile.
Kontakt:
Tall Poppies Records, P.O. Box 373, Glebe NSW 2037, AustraliaFranz Liebl
Subsonic/Sub Rosa, SUBSONIC 2/SR82
CD, B 1995
Subharmonic, SD 7010-2
CD, U.S.A. 1995
Bill Laswell und N. J. Bullen teilen sich die Split-CD Bass Terror, die insgesamt drei lange Stücke von jeweils mehr als 15 Minuten Dauer umfaßt. Bill Laswell beginnt diesen Reigen mit einer dreiteiligen Suite namens Tetragrammaton. Ein Spiel der kontinuierlichen Verlangsamung: Teil 1 mit einem technoiden Grundrhythmus wandelt sich in Teil 2 in einen Dub, der in Teil 3 als Soundscape ausklingt. Daß eine solche Verlangsamung jedoch keinen Spannungsabbau bedeuten muß, macht Laswell, der für das gesamte Sound Design allein verantwortlich zeichnet, hier in beeindruckender Weise deutlich.
Nicholas Bullen geht umgekehrt vor. Er beginnt sein ersten Track »Nocturnal Crawl« mit auf- und abschwellenden Sounds, in die simulierte Tabla-Sounds einstimmen, die schließlich ihrerseits von einer Dub-Sequenz abgelöst werden. Würde es sich bei Bass Terror um Vinyl handeln, hätte ich bei diesem Stück gerne ausprobiert, wie es sich - eventuell sogar wesentlich - hochgepitcht anhören würde.
Doch erst in seinem letzten Teil wird das Stück dem Anspruch des CD-Mottos so richtig gerecht. gegen dieses Gegrummel fängt das letzte Stück fast schon blechern an - um sich freilich gleich wieder in einen Tiefton-Dub zu steigern. Freilich, so richtige Begeisterung mag sich nicht einzustellen. Bass Terror ist zwar eine Platte, die schon beim ersten Testhören gut ankommt und die man auch viele weitere Male ermüdungsfrei konsumieren kann. Aber ihr geht die nötige Portion unverwechselbarer Identität ab, die echte Meisterwerke auszeichnet. Der Titel und das - hervorragende - Cover hatten mehr erhoffen lassen.
Anders dagegen Laswells Internet/WWW-Hommage namens WEB. Das Outfit ist beispielsweise an Understatement kaum zu überbieten. Monochrom silbern gehalten, geizt es nicht zuletzt mit Informationen (sic!). Auch sonst erhebliche Kontraste zu Bass Terror: Stärker von der Ambient-Ästhetik des Old-School-Formats durchdrungen ist diese Kooperation mit Terre Thaemlitz, die auf dem New Yorker Subharmonic-Label erschienen ist. Zunächst wird man mit 30 Minuten langgezogener, flächiger Soundscapes, mitunter angereichert durch rasselnde Percussionsgeräusche, konfrontiert. Dabei gehen die subliminalen Frequenzen tiefer in den Keller als bei Bass Terror und erzeugen die weitaus bedrohlichere Stimmung. Aufkommende Trance-Momente werden meist just-in-time zurechtgeschliffen. Und wieder hat Toningenieur Robert Russo dabei ganze Arbeit geleistet.
Gegen die beiden anderen Stücke auf WEB setzt sich der letzte Track deutlich ab. »Transfer Complete« operiert mit Geräuschen, die allesamt mit Bewegung zu tun haben: abwechselnd Schritte von Fußgängern in halligen Räumen, fließendes Wasser oder die zunehmende Frequenz und abnehmende Amplitude aufspringender Bälle. Haben wir es hier mit aussterbenden Geräuschen zu tun, wenn der Transfer von Bits und Bytes letztlich den Transfer von Atomen substituiert hat, wie Nicholas Negroponte es ohne Unterlaß postuliert? Und wann ist es schließlich soweit, daß im »digitalen Dasein« (Negroponte) für den Transfer von Musik auch kein Lüftchen mehr bewegt zu werden braucht?
Kontakt:
Sub Rosa, P.O. Box 808, B-1000 Brussels, Begium Subharmonic, 180 Varick Street, New York, NY 10014, U.S.A.E-Mail:Info@Musicom.Com
Franz Liebl
Warp/Rough Trade, RTD 126.3104.2
CD, D 1995
Rather Interesting, RI 032
CD, D 1995
Als Rezensent hat man es wahrlich nicht leicht mit diesen neuen Elektronik-Scheiben. Begriffe wie Electronic Listening, Intelligent Techno oder der unmotiviert umgedeutete Term Ambient tragen eher zur Verunklarung bei und geben keinerlei Auskunft darüber, was denn nun eigentlich den Reiz dessen ausmachen soll, was sich so im Bermudadreieck von Stampf, Krach und Sphärenmusik bewegt. Daß überhaupt davon ein Reiz ausgeht, darüber besteht wohl kein Zweifel. Insbesondere das Warp-Label ist hierfür ein gutes Beispiel mit Acts wie The Black Dog, Kenny Larkin oder dem Megastar Aphex Twin.
Irgendwo stilistisch mittendrin lauern da Autechre mit ihrer letzten Veröffentlichung tri repetae; ihnen ist offensichtlich die Synthese aus zwingend-repetitiven Rhythmus-, schrägen Sound- und hymnisch angehauchten Harmonie-Strukturen besonders gut gelungen. Aus der harsh-noise Perspektive mag das Ergebnis mitunter etwas geschmäcklerisch anmuten und den Verdacht laut werden lassen, primär als Entspannungsmusik für den saturierten Industrial-Enddreißiger zu funktionieren. Tri repetae darf Culture-DJ Poschart schon mal den VOGUE-Leserinnen zumuten, und die Kunden von image-hifi kündigen auch ihr Abo nicht, wenn ihnen dieses Doppelvinyl anempfohlen wird. Mit anderen Worten, die Cleverness des Konstrukts steht völlig außer Frage. Und daß genug Substanz vorhanden ist, läßt sich daran erkennen, mit welcher Leichtigkeit das Material einem Dauertest standhält. Das gilt sowohl für das ermüdungsfreie Durchhören der einen Stunde Musik am Stück, als auch für den wiederholten Gebrauch dieses Swinging Soft Industrial.
Einen ähnlich hohen Hybridisierungsgrad besitzt auch BASS, bewegt sich jedoch strenggenommen auf ganz anderem Terrain. Hier schlägt auf die Elektronik eher ein Touch FreeMusic und eine Portion Zwanzigstejahrhundertavantgarde durch. Versucht hatten das ja früher vor allem Klaus Schulze und Co. - ohne jedoch wirklich zu reüssieren. BASS gelingt nun auf seine Weise dasselbe Kunststück wie eben schon Autechre, nämlich trotz aller lauernden Fettnäpfe die Balance zu halten. Zu wenig schlägt hier die Blutleere und Kopflastigkeit traditioneller Neutöner durch, als daß auch nur eine Sekunde Peinlichkeit aufkommen würde.
Die neue Elektroniker-Generation versteht sich demnach blendend aufs Kontextpartisanentum und schmilzt selbstbewußt auch noch den letzten, aufrecht Widerstand leistenden, Rest zwischen E und U ein. Wer würde da noch mit Kategorien wie Post-Industrial, Post-Techno oder Post-Avantgarde operieren wollen, wenn, wie es einst Thomas Meinecke formulierte, »automatisch zentrale Topoi sowohl der leichten als auch der ernsten Musik freigesetzt werden«? Indes, die Anti-Klimax scheint mir bei dieser EU-Musik woanders zu liegen: jene ist auf eine geradezu fatale Weise EUphonisch, dabei gleichzeitig so gut wie inhaltsleer. Es regiert das Prinzip des WYHIWYH (= What You Hear Is What You Hear) bei dieser Reinform klanglicher Benutzeroberfläche. Das führt uns zu Paradoxon 1: Als konkrete Musik, wie etwa im Falle von BASS, bleibt sie völlig abstrakt (daherdername?). So schreit sie weder nach einer Auseinandersetzung noch fordert sie die Hörgewohnheiten heraus; als selbstreferentielles Konstrukt bleibt sie lediglich »recht interessant« (daherdername?) und bewegt nicht im geringsten. Damit verbindet sich Paradoxon 2: »Echtes« easy listening verursacht wesentlich mehr Hören mit (Kopf-)Schmerzen und mehr ästhetische Friktionen als diese neue Form »Intelligenter Elektronik«: Don't be too clever...
Kontakt:
Rather Interesting/Del Haze Entertainment, Fax: ++49-69-700563Franz Liebl
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Letzte Aktualisierung: 16-Sep-02 um 15:41 Uhr
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