[Home :: Cultural Studies :: AvantHard]

[Editorial :: Lärm :: Umwelt :: Cultural Studies :: KAV :: Coverversionen :: Listenswert]

Cultural Studies als Studies in Industrial Culture

von Franz Liebl

Übersicht:

Residuen im Buchladen: Ein autobiographischer Zugang zu Cultural Studies

Auch wer völlig unbeleckt einen englischen oder amerikanischen Buchladen, vorzugsweise in Universitätsnähe, betritt, wird kaum Schwierigkeiten haben, sich in ihm und der Weise, wie das Repertoire segmentiert ist, zurechtzufinden. Und schließlich wird er - meist irgendwo zwischen den Rubriken Sociology, History, Economics und Politics - auf ein wohlgefülltes Regal stoßen, das er beim deutschen Buchhändler vergeblich suchen wird: Cultural Studies. Diese Rubrik entpuppt sich beim Durchforsten als merkwürdiges Sammelbecken aus Gender Studies, Rock-Theorie, Arbeiten zur Alltags- und Populärkultur über Medientheorie bis hin zum Thema Serienmord - um nur einige Schlaglichter zu nennen. Nicht ganz zu Unrecht kann man angesichts dessen zu der Schlußfolgerung kommen, daß Cultural Studies eine Art Residualkategorie für Bücher, die sich einer eindeutigen Klassifizierung entziehen, verkörpern: »if all else fails«. Denn die Publikationen sind politologisch, ohne konkrete politische Institutionen zum Gegenstand zu haben; sie sind soziologisch, ohne mit den Korrelationsmatrizen empirischer Sozialforschung zugepflastert zu sein. Und sie sind historisch, weil sie Epochen aufarbeiten - aber diese Epochen dauern im Normalfall noch an (Johnson 1986).

Ihre oft ironisierenden, doppeldeutigen Titel auf dem Buchumschlag stehen in krassem Gegensatz zu der Sprache, die im Inneren gepflegt wird; ihr Forschungsgegenstand und die Wahl des analytischen Instrumentariums gerinnt zu einer scheinbar grotesken Mesalliance. »High Theory/Low Culture« nannte MacCabe (1986) einst dieses Syndrom, das sich exemplarisch an Titeln wie »The Madonna Connection - Representational Politics, Subcultural Identities, and Cultural Theory« (Schwichtenberg 1993), »Rave Off - Politics and Deviance in Contemporary Youth Culture« (Redhead 1993) oder »Dancing in the Distraction Factory - Music Television and Popular Culture« (Goodwin 1993) festmachen läßt.

Daß in der Rubrik Cultural Studies scheinbar völlig kontextfremde Themen nebeneinander stehen, hat, wie wir sehen werden, nicht nur System, sondern läßt sich für den Interessenten auch produktiv nutzen. Es werden auf diese Weise plötzlich Dinge miteinander assoziiert, die nach anfänglichen kognitiven Widerständen tatsächlich zusammengedacht werden können. Die geringe kategoriale Ausdifferenzierung führt also dazu, daß nicht immer nur Ähnliches in einer Schublade steht - was gerade die benachbarten Regale wie Sociology oder Politics so eigenartig dröge und eindimensional wirken läßt.

Zurück nach Deutschland gekommen, fragt sich der Kunde, wie deutsche Buchhändler dieses Problem lösen. Gibt es doch genauso bei uns Veröffentlichungen über Medientheorie, Feminismus oder Serienmord. Die Lösung: Das Pendant hierzu in Deutschland heißt, wenn man die Listungen der Verlagsneuerscheinungen in den überregionalen Tageszeitungen oder die Vorlesungsverzeichnisse deutscher Universitäten ansieht, »Kulturwissenschaften« oder »Kulturgeschichte«. Eine differierende Konnotation kommt hierin zum Ausdruck. Denn offensichtlich stehen keineswegs Alltagskultur, Subkultur oder Populärkultur im Zentrum des Interesses - also Kultur als »whole way of life«, wie es Raymond Williams (1958) einst postulierte -, sondern der gängige bildungsbürgerliche Hochkulturkanon, der nur im Ausnahmefall über das 19. Jahrhundert hinausweist.

Disziplinlose Disziplin: What Is Cultural Studies Anyway?

Nach dieser eher autobiographischen Näherung an das Thema nun eine definitorische. Bezeichnenderweise beginnen alle publizierten Definitionsversuche mit der Genese von Cultural Studies, sprich historisch (siehe hierzu insbesondere Davies 1995). Vielleicht, weil sich der inhaltliche Zugang als schwierig erweist? Lawrence Grossberg (1994) schreibt: »Cultural Studies definieren zu wollen ist eine riskante Angelegenheit.« - um sich in der Folge auf 30 Seiten mit solchen (seiner Meinung nach mehr oder weniger fehlgeschlagenen) Versuchen auseinanderzusetzen. Dabei geht er nur an zwei Stellen so weit, zu sagen, was Cultural Studies sein soll, während er sonst nur angibt, was es nicht sein kann: »Für mich bedeutet Cultural Studies eine bestimmte Art der Kontextualisierung und Politisierung intellektueller Praxis.« sowie »... man könnte Cultural Studies als Disziplin der Kontextualität beschreiben.« Offensichtlich kommen wir so nicht weiter. Doch möge der Leser diese Aussage im Hinterkopf behalten, da wir später hierauf zurückgreifen wollen.

Probieren wir also einen anderen Ansatzpunkt, uns dem Thema zu nähern, und betrachten die beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen. Im Prinzip ließen sich alle gängigen Geisteswissenschaften anführen; vorzugsweise findet man Ethnographie, Soziologie, Politik- und Kommunikationswissenschaften, Literaturwissenschaften und die diversen issue-orientierten Forschungsgebiete (Gender Studies, Black Studies, etc.). Doch gerade an den Cultural Studies wird sichtbar, daß ihre Forschungsgegenstände sich mit Regelmäßigkeit einer monodisziplinären Analyse entziehen. Kein Wunder, daß Lindner (1994) denn auch Cultural Studies als »das postmoderne Forschungsprogramm schlechthin« bezeichnet, wo doch die Grenzen zwischen den Disziplinen systematisch abgeschmolzen werden. Forschungszweige, bei denen Probleme nicht von der Lösung her gedacht und analysiert werden, haben immer noch Seltenheit; dafür aber besitzen sie ein überdurchschnittliches Maß an Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen. »Je flexibler, je anpassungsfähiger der Kategorienapparat ist, desto leichter können neue Problemkonstellationen prozessiert werden.« begründet Holert (1995) das Kontextpartisanentum der Cultural-Studies-Forschung. Damit sind nicht nur Vorteile verbunden, wie sein Nachsatz zeigt: »Man ist eher Universalist als Spezialist, eher im Besitz von Halbwissen als von »professioneller« Kompetenz. Cultural-Studies-Kompetenz erwirbt man letztlich, indem sich jeder seine eigene issue-Zone einrichtet.« Und Precht (1996) stellt gar die Frage: »Sagen Kulturwissenschaftler nicht einfach weniger über mehr?« Doch wo selbst bzw. gerade im naturwissenschaftlich-technologischen Bereich nicht mehr entschieden werden kann, wer im Besitz der Wahrheit ist, wo professionelle »Experten« auf gleichermaßen professionelle »Gegenexperten« treffen, werden in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung Denkfiguren wie Akzeptanz und Konsensmobilisierung de facto relevanter als die Kategorien »richtig« oder »falsch«. Kein Konflikt hat das deutlicher gezeigt als der Streit um die geplante Versenkung der Bohrinsel »Brent Spar«.

Mehr denn je wird die Definition eines Issue, also eines Konfliktthemas, zum Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und des Kampfes um Macht. Die eigene Definitionsmacht im kommunikativen Spiel der Gesellschaft zu nutzen ist Vorbedingung einer erfolgreichen Konsensmobilisierung - und damit der Durchsetzung von Interessen. Diese nüchterne, kognitionstheoretische Sichtweise hat die ebenso pathetische wie überholte Floskel vom »Wertewandel« überflüssig gemacht. Und gleichermaßen ist längst deutlich geworden, daß die alten Konfliktlinien, deren Grundlage das politische links-rechts-Schema gewesen war, neuen und komplexeren Konfigurationen gewichen sind.

Wo liegen nun diese Issue-Zonen, die Trendforscher à la Horx, Bolz oder Gerken wohl als Trendlandschaften bezeichnen würden? Grossberg hat hierauf wieder nur eine negativ ausformulierte Antwort: »Zu viele in den traditionellen Disziplinen tätige Personen scheinen anzunehmen, daß sie Cultural Studies betreiben, wenn sie beginnen, z. B. über Fernsehen oder Rockmusik zu schreiben. Cultural Studies wird nicht durch einen bestimmten Text/Gegenstand definiert; in diesem Sinn kann man Cultural Studies über beinahe alles machen.« Stellen wir dieses Argument auf den Kopf, indem wir es mit dem letzten Abschnitt verbinden: Cultural Studies können nie nur im Rahmen einer bestimmten Disziplin durchgeführt werden - weil bei der Behandlung eines Issue beispielsweise immer andere Kontexte, etwa der ökonomische Kontext und der Machtkontext, mitgedacht werden.

Als Beispiel für ein Cultural-Studies-Mißverständnis ließe sich etwa Johannes Ullmaiers Arbeit »Pop Shoot Pop« (1995, cf. SIAM·letter, Vol. 8, #1) anführen; aber auch die beiden Ausgaben des neuen, sich explizit in der Tradition von Cultural Studies wähnenden, Magazins »testcard« fallen in diese Kategorie. Die Geschichte der Popmusik nur aufgrund eines musikanalytischen Instrumentariums aufarbeiten zu wollen, heißt letzten Endes verständnislos mit einem komplexen - weil sozialen und ästhetischen und politischen und ökonomischen etc. - Phänomen wie Lebensform bzw. Lebensgefühl umzugehen. Gerade in dieser Beziehung bewegt sich Ullmaier, der vorgeblich einen Paradigmenwandel im Wissenschaftsbetrieb fordert, geradezu idealtypisch im Mainstream gängiger Disziplinen. Denn ebendiese dekontextualisieren sowohl ihre Methoden als auch ihre Untersuchungsobjekte - während Cultural Studies sie bewußt als zueinander relationiert betrachten (Nelson/Treichler/Grossberg 1992).

Hinzu kommt, daß Cultural Studies sich nicht mit der traditionellen Beobachterrolle des Wissenschaftlers begnügen. Vielmehr geht es zumindest um eine umsetzungsorientierte Theoriebildung, wenn nicht gar um eine explizite Handlungsorientierung. Eine Wanderung auf schmalem Grat muß hier bewerkstelligt werden: Stuart Hall (1990) hebt hervor, daß die Ebene der Reflexion, auf die sich der Universitätsbetrieb stets zurückgezogen hatte, ganz dezidiert überschritten werden muß, andererseits jedoch purer Aktivismus kein Ersatz für Theoriebildung sein kann. Hieraus erwächst eine verstärkte Forderung nach Interdisziplinarität und nach der Verwendung multipler Paradigmen bei der Handhabung von Issues (Kellner 1995). Denn Paradigmen dienen letztlich nur folgendem Zweck: »... they help focus research, provide a matrix of interlinked concepts and assumptions, and pose a research agenda.« (Zald 1991) Mit anderen Worten, Paradigmen strukturieren den Forschungsprozeß, um Erkenntnisse zu gewinnen; will man dagegen im Rahmen der Umsetzung vorhandenes Wissen zusammenführen, droht bei einer singulären Forschungsperspektive eine unnötige und willkürliche Einengung. Daß Forschung mit dem Anspruch, für die (soziale, kulturelle, politische etc.) Praxis taugliche Unterstützung zu liefern, zwangsläufig multiparadigmatisch angelegt sein muß, versteht sich daher von selbst.

Einer besonderen Erwähnung bedarf dagegen das den Cultural Studies eigene Verständnis von Interdisziplinarität, das Hall (1990) folgendermaßen charakterisiert: »What we discovered was that serious interdisciplinary work does not mean... that one has a kind of coalition of colleagues from different departments... . Serious interdisciplinary work involves the intellectual risk of saying to professional sociologists that what they say sociology is, is not what it is.... a kind of sociology that would be of service to people studying culture... we could not get from self-designated sociologists.« Hieraus wird verständlich, warum etwa bei Nelson/Treichler/Grossberg (1992) oder Stanley Aronowitz (1993) das Attribut »anti-disziplinär« vorkommt: In einer sich über die gängigen disziplinären Spielregeln und Forschungsriten hinwegsetzenden Weise verschmelzen Cultural Studies - partiell interdisziplinäre - Forschungstraditionen wie Soziologie, Kommunikationswissenschaften, Kognitionsforschung, Ästhetik, Ethnographie oder Anthropologie.

Creative Marginality: Machtbewußte Innovationsforschung

Um als genuin postmodernes Forschungsprogramm gelten zu können, müßten Cultural Studies schließlich noch Züge von Reflexivität aufweisen - was auch der Fall ist. Das zentrale reflexive Moment der Cultural Studies besteht in ihrem Eklektizismus, genauer: in ihrer Strategie der bricolage (Lindner 1994). Was Cultural Studies als kennzeichnend für ihren zentralen Forschungsgegenstand »neue Subkulturen« ansehen, ist, in eklektischer Anlehnung bei Lévi-Strauss, die bricolage als »Neuordnung und Rekontextualisierung von Objekten, um neue Bedeutungen zu kommunizieren« (Clarke 1981). Just dies praktizieren nun Cultural Studies im Rahmen ihrer eigenen Forschungsarbeit: eine Bastelarbeit, die sich - schon auf den ersten Blick sichtbar - in den beschriebenen Kontextüberschreitungen bei Buchtiteln widerspiegelt.

Betrachten wir den Forschungsgegenstand und seine gesellschaftspolitische Dimension näher. Es sind vorwiegend Subkulturen und Neue Soziale Bewegungen, die in einer Gesellschaft als Produzenten neuer bzw. modifizierter Kognitionen und Artikulationen auftreten; so entstehen Trends und Issues, welche eine gesellschaftsweite Durchsetzung erfahren sollen. Bewegungsgesellschaft, Erlebnisgesellschaft, raving society - das sind nur die prominentesten Etiketten für diffundierende Wandelerscheinungen aus der jüngeren Vergangenheit. Nach Johnson (1986) rekurrieren Cultural Studies letzten Endes immer auf zwei zentrale Komplexe von Leitfragen. Erstens sind das Fragen der Popularisierung und Diffusion von ursprünglich individuellen Lebensformen hin zu weitverbreiteten Verhaltensmustern: »What are the different ways in which subjective forms are inhabitated - playfully or in deep seriousness, in fantasy or by rational agreement, because it is the thing to do or the thing not to do?« Der zweite Fragenkomplex betrifft die Ergebnisse und Implikationen kultureller Überformungen: »Do these forms tend to reproduce existing forms of subordination or oppression? Do they hold down or contain social ambitions, defining wants too modestly? Or are they forms which permit a questioning of existing relations or a running beyond them in terms of desire? Do they point to alternative social arrangements?« Wie man sieht, geht es bei solchen Analysen nicht zuletzt um die Frage von Machtverhältnissen und Machtverschiebung - insbesondere in bezug auf Deutungsmacht - wobei »Macht nicht unbedingt als Form der Vorherrschaft verstanden wird, sondern immer als eine ungleiche Beziehung von Kräften im Interesse bestimmter Bevölkerungsgruppen« (Grossberg 1994) oder sonstiger Akteure. Auch in dieser Beziehung zeigt sich also die zentrale Rolle der Mobilisierung von Konsens, um die eigenen Issues und Lebensformen auf die Tagesordnung zu bringen. Der Kampf um die Zukunft äußert sich daher primär in einem Kampf um die Tagesordnung von Medien und Politik: d. h. im Prozeß des Agenda-Setting (Dearing/Rogers 1996; Eichhorn 1995). Ein derartiges Agenda-Setting durch die Publikationsorgane der Subkulturen fungierte seit jeher als zentrales Element der Mobilisierung.

In diesem kommunikativen Spiel entscheidet die Rolle von Kontexten und wie sie benutzt werden (Liebl 1996). Kontexte besitzen für Cultural Studies die Rolle eines enablers. Er ermöglicht es, das Selbstverständliche in Frage zu stellen, das Vertraute unvertraut zu machen und neue Assoziationen herzustellen. Kommunikations- und Innovationsforschung kennen schon seit den 70er Jahren das empirisch belegte Phänomen der »strength of weak ties« (Granovetter 1973), das sich wie folgt beschreiben läßt: die Assoziation von Dingen innerhalb ein und desselben Kontextes ist nicht sonderlich produktiv, weil allzu naheliegend und somit trivial. Erst wenn Kontextgrenzen überschritten werden, entstehen neuartige Assoziationen und neue Bedeutungen. Das setzt eine Bewußtmachung von aktuellen Kontexten und eine Verortung in ihnen voraus, will man kulturelle Phänomene wie z. B. Trends verstehen. Agger (1992) arbeitet in diesem Zusammenhang heraus, daß die Vertreter der Dekonstruktion sowieso jede Form kultureller Phänomene als Text ansähen. Trend und Text haben somit gemeinsam, daß man sie nur dann verstehen kann, wenn man sie in strukturierten kontextuellen Beziehungen verortet - nicht zuletzt im gesamten Beziehungsgeflecht aller Trends bzw. Texte. Kontextualität und Intertextualität sind somit nur zwei Facetten desselben Prinzips (Johnson 1986).

Wenn Cultural Studies sich also mit Zeichen bzw. Zeichenartikulation und deren Kontextualisierungen beschäftigen, haben wir es letztlich mit zwei Analysedimensionen zu tun, wie Lash/Urry (1994) wiederholt feststellen. Denn Zeichen besitzen zum einen eine kognitive, also eine auf den Informationsgehalt abstellende, Dimension, zum anderen jedoch auch eine ästhetische, welche Aspekte der (sinnlichen) Wahrnehmung einschließt und u. U. bis auf die emotionale Ebene vorstößt. Aus einem Forschungsprogramm, das auf Basis einer kognitionstheoretischen und kontextbezogenen Fundierung anstrebt, die Ergebnisse der Cultural-Studies-Forschung zusammenzuführen, liegen bereits erste Resultate vor (Liebl 1996; Liebl/Herrmann 1996a, 1996b); zu entwickeln bleibt ein Konzept für die ästhetische Analyse von Trends, die sich hieran koppeln ließe.

Cultural Studies for Industrial Culture? Da hört sich der Spaß auf!

Sind wir damit letzten Endes doch bei derjenigen Position angelangt, der wegen ihrer rein (musik-)historischen Argumentationsweise der Vorwurf des »Cultural-Studies-Mißverständnisses« gemacht worden war? Ich meine keineswegs. Denn die Erhebung quasi-objektiv feststellbarer Merkmale garantiert noch längst keine ästhetisch adäquate Näherung an ein Phänomen jenseits einer bloßen additiven Kombination von Stilmerkmalen (anon. 1995). Mit anderen Worten, sie vermag weder zu klären, warum eine bestimmte Kombination in der beobachteten Form auftritt, noch gibt sie Hinweise, welche Konsequenzen daraus erwachsen können. Hinzu kommt: Eine solche dezidiert historisierende Perspektive ist zwangsweise rückwärts gewandt und kontemplativ - ohne Handlungs-, ohne Issue- und ohne Zukunfts-Orientierung. Sie zielt vielmehr auf eine Systematisierung ex-post facto, wenn ausreichend Empirie vorhanden ist und der Historiker - wegen des längst formierten und etablierten Wertegefüges - mit seinen Wertungen kein Risiko mehr eingeht. Cultural Studies dagegen wagen gezielt eine Theoriebildung in der terra incognita sich eben erst formierender und entwickelnder Phänomene.

Wie kommen wir nun weiter? Wenn man sich die Entwicklung der Industrial Culture ansieht, kann man feststellen, daß diese Bewegung (bzw. Szene, etc.) von Anbeginn eine ausgesprochene Thematisierungsbewegung gewesen ist - und zwar eine ästhetische. Die für die Frühphase typischen Themen sind hinlänglich bekannt: Neben den allgemeinen Entfremdungserscheinungen durch ein technologisch geprägtes Zeitalter typischerweise Faschismus, Gewalt, S/M, Pornografie oder Vivisektion. Vorwiegend auf der ästhetischen Ebene wurden hier die kontextuellen Querverbindungen formuliert, die für Cultural Studies charakteristisch sind.

Wer dagegen rückwärtsgerichtet im Sinne einer Popgeschichtsschreibung operiert, also Geschichte (re-?)konstruieren möchte, wird natürlich Unbehagen empfinden, wenn eine Bewegung, die man schon definitiv in einer Schublade wähnte, sich in einem autopoetischen Akt quasi von selbst aktualisiert. Doch dies kann nur denjenigen verwundern, der sich niemals näher mit der politischen Ökonomie sozialer Bewegungen auseinandergesetzt hat. Denn die Erfahrung zeigt mit Regelmäßigkeit: Soziale Bewegungen erweisen sich als dauerhafte Organisationsformen selbst dann, wenn sie ihre Mission bereits erreicht zu haben scheinen (Freeman 1979). »Topic differentiation« und »Reframing« stellen gängige Strategien dar, Diagnosen und Issues auf andere Bereiche qua Analogieschluß zu übertragen (Nelson 1984). Denn der Effekt des Agenda-Setting referiert selbstverständlich nicht nur auf die Themen, die in die Diskussion gebracht werden, sondern auch auf die Akteure selbst.

Was läge also näher, als die ästhetischen Strategien der Industrial Culture auch auf die sozialen und kulturellen Überformungen eines posthuman-kommunikativen Zeitaltalters anzuwenden? Es kann deshalb nicht darum gehen, durch plattes Umbenennen und durch Hantieren mit Trend-Labels wie »virtuell« und »cyber« pure Camouflage zu erzeugen. Daß nämlich die Strategien auch weiterhin Aktualität für sich beanspruchen können und zu schlüssigen Ergebnissen führen, zeigen die Fakten.

Diese Tendenzen kulminieren in einer Veranstaltungsform, der Theorieperformance, bei der die Trennung von Theorie und Ästhetik weitgehend aufbricht - von der Grenze zwischen Industrial und Techno ganz zu schweigen. »Tanz den Arthur Kroker« steht hier als Synonym für frei assoziierendes, kontextsprengendes Theorie-Sampling über die »post-human condition« (Pepperell 1995), das von Noise & Loops und Drum & Bass begleitet bzw. unterlegt wird (z. B. bei Kroker/Kroker/Gibson/Kristian 1996). In Anlehnung an Michel Serres (1981) könnte man also sagen: »Die Theorie macht den Lärm, aber der Lärm macht die Theorie.« Wie eine ausschließlich spaßfixierte »raving society« (Lau 1995) mit solchen multimedialen Hypertexten räsonieren/resonieren mag, muß vorerst noch offen bleiben. In der Industrial Culture hat man dagegen mit solcherlei Formen der Dekonstruktion jede Menge Erfahrung, da man schon immer nach Mykel Boards Devise operiert hatte: »My fun begins where your fun ends.«

Literatur

Franz Liebl

(Dieser Aufsatz erscheint Anfang 1997 in veränderter und wesentlich erweiterter Form in einem Cultural-Studies-Reader, der unter anderem Aufsätze von Andrew Ross, William J. Mitchell, Stanley Aronowitz und Arthur Kroker enthält:

Liebl, F. (Hg.): Cultural Studies - Zwischen Trendforschung und Kritischer Theorie)

[Home :: Cultural Studies :: AvantHard]

[Editorial :: Lärm :: Umwelt :: Cultural Studies :: KAV :: Coverversionen :: Listenswert]