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Übersicht:

Gate - Golden

IMD, IMD-10050
CD, NZ 1995

Hart! Härter! Japaner!« hieß über viele Jahre hinweg eine gängige Erfolgsformel. Industrial aus Neuseeland hatte der Pazifische Raum meines Wissens bislang noch gar nicht zubieten. Doch auch hier wird sich die Topografie grundsätzlich ändern, wenn Gate, so der Name der vorliegenden Formation, so weitermachen. Golden heißt ihr zweiter, auf dem mir bis dato unbekannten Label IMD erschienener, Longplayer. Ihre erste Scheibe auf dem US-Avantgardelabel Table of the Elements hatte ich einst wegen zu großer TrashMetal-Gitarrenlastigkeit noch achtlos beiseite gelegt; nett, aber eben nicht innovativ und packend genug, war vor nicht allzu langer Zeit mein spontaner Eindruck im Plattenladen. Auf Golden ist Gate jedoch nicht wiederzuerkennen: Nervenzerfetzend, ohne schrill-pubertär zu sein, gehen sie zu Werke. Geradezu von einer atemberaubenden Abgeklärtkeit scheinen die L·rmminiaturen zu sein. Dabei entwickeln Gate ein bemerkenswertes Gespür für Sounds und Differenzierungsfähigkeit - eine wesentliche Voraussetzung, um den Hörer bei der Stange zu halten.

Hier liegt ein in seinem scheinbaren Dilettantismus gemein clever kalkuliertes Sturm-und-Drang-Werk vor, das der überschäumenden Kreativität aus der Ambient-Techno-Ecke endlich einmal ein Industrial-Paroli bieten kann. Nicht oft ist das in letzter Zeit in dieser immer stärker selbstreferentiell werdenden Szene passiert. Frisches Blut from down under - höchste Zeit ist es geworden!

Kontakt:

Gate, P.O. Box 5822, Dunedin 9031, New Zealand
IMD, P.O. Box 730, Dunedin, New Zealand

Franz Liebl

Merzbow/John Watermann - Brisbane/Tokyo Interlace

Cold Spring Records, CSR9CD
CD, UK 1995

Und ich hatte gedacht, aus diesem Alter sei ich längst raus. Aber nach dem Rezensieren von all diesem »Umwelt-Zeug« kann ich kaum beschreiben, wie gut so eine Dosis L·rm tut. Bei dieser CD in spartanischer, aber effektvoller Lowest-Budget-Verpackung handelt es sich aber auch um ein besonders ausgesuchtes Exemplar. Drei »Titel«, Merzbow solo (»Untitled«), Merzbow plus Watermann (»No Title«) und schließlich Watermann solo (»Without Title«).

Gleich zu Beginn eine kleine Überraschung: Merzbow, so muß ich gestehen, habe ich selten so gut in Form gehört. Eine clever skandierte L·rmorgie des ultraharten Sorte. Soll man dazu noch mehr sagen? Danach wird es für den Klangforscher interessant, denn wie würden wohl zwei Leute mit so unterschiedlichen ästhetischen Strategien wie Merzbow und Watermann zusammenfinden können? Die Antwort lautet: gar nicht. Und so läßt sich das Resultat in besten Passagen zwiespältig, meist aber unbefriedigend, nennen. Watermann und Merzbow stückeln ihre takes aneinander, eine Synthese findet strenggenommen nicht statt. Auch wenn rein akustisch durchaus Spannendes passiert, so ist mir die Arbeitsweise hier schlicht zu simpel gestrickt, zu wenig auf Komplexität ausgerichtet. Nicht in jedem Modell ist die Addition eine valide, weil zielführende Operation; das Modell Merzbow/Watermann hat im vorliegenden Fall eher musikalischen »Model-T«-Charakter.

Überraschung Nummer zwei ereilt den Hörer schließlich bei dem Watermann-Solo. Wer die oft eher ruhig dahingroovenden Tracks der Ulbricht-Doppel-CD »Illusions of Infinite Bliss« im Hinterkopf hat, muß glauben, einen völlig verwandelten - merzbowisierten - Watermann vor sich zu haben. Mit anderen Worten, just in diesem dritten Teil wird mit einem Mal klar, welches Resultat der Joint Venture von vorhin eigentlich hätte zeitigen müssen. Zum großen Leidwesen des Rezensenten bricht nach rund fünf Minuten höchsten Collagen-Genusses die CD unvermittelt ab. Wer hat bloß Watermann gesagt, daß er aufhören soll, wenn's am schönsten ist?

Kontakt:

Cold Spring Records, 87 Gloucester Avenue, Delapre, Northampton, England NN4 9PT; Fax: +44-1604-859142

Franz Liebl

Tonart - Fünf

Off Scale, OS 005
CD, D 1995

Tonart, die fünfte. Wie schon auf Nummer Vier ein Dreier von Jörg Thomasius, Lars Stroschen und André Ruschkowski. Aber anders als früher werden keine Instrumente benutzt, nur menschliche Stimmen - und zwar die eigenen. Zitat aus dem Booklet: »Jeder TONARTIST hatte die Aufgabe, aus jeder Stimme jeweils eine Komposition zu erstellen, sowie ein Komposition aus allen drei Stimmen. Hierfür durfte das Ausgangsmaterial in jeder erdenklichen Weise bearbeitet, nicht aber durch andere Aufnahmen von z. B. Instrumenten oder geräuschen ergänzt werden.« So knapp und trocken liest sich die Regieanweisung für die resultierenden zwölf A-Capella-Tracks - ein Genre, das sich normalerweise durch ein kaum zu vermeidendes Maß an Gleichförmigkeit auszeichnet. Naiver Gedanke im Zeitalter der digitalen Soundbearbeitung! Mit digital edierten Stimmen läßt sich, wie die Berliner zeigen, alles simulieren - Alles. Elektroakustische Musik, zweieiige Afex-Zwillinge, Industrial, Trance, Gitarrensoli, große Klangkörper wie etwa Sinfonieorchester usw. Wer es bisher nicht geglaubt hat: Im Prinzip könnten alle Platten dieser Welt auf einen einzigen Urschrei zurückgeführt werden. Folglich operieren Tonart geschickt jenseits der Möglichkeiten eines blackhumour, der ja in dem Segment manipulierter Stimmen so etwas wie einen Referenzstatus genießt.

Daß jedoch die Stimmen ausgerechnet dort nicht 100%ig überzeugen, wo sie als solche konzeptualisiert und damit erkennbar sind, sollte zu denken geben und darf als kleiner Treppenwitz dieses über weite Strecken hochklassigen Produkts angesehen werden.

Kontakt

Tonart/Off-Scale, Auguststr. 19, D-10117 Berlin, Tel./Fax +49-30-2822973

Franz Liebl

Sabotage Q.C.Q.C. - Sexploitation Cinema

Spin/EMI
CD, D 1996

Sabotage Q.C.Q.C haben, nach teilweise leidvollen Erfahrungen mit Indie-Labels und -Vertrieben den Schritt zur Industrie gewagt. Außerdem konnte die Band namhafte Produzenten für Ihr Album gewinnen, nämlich die beiden ehemaligen Front 242-Leute Daniel B. und Patrick Codenys. Herausgekommen ist dabei ein Album, das zwischen den Stilen Pop, EBM und Techno changiert. Der Einfluß der Produzenten schlägt sich insofern nieder, daß die meisten Stücke von einem treibenden Rhythmus dominiert sind, dem etwas Hypnotisches anhaftet und der eine hohe Dancefloor-Tauglichkeit garantiert. Dazu servieren uns S.Q.C.Q.C. die bereits gewohnte Portion des Spiels »Domina vs. Sklave«, wozu natürlich Isabelle Gernands laszive Kindfraustimme prädestiniert ist, die gegen eine Machostimme Zeilen säuselt wie »Unter Deinen Fingernägeln möcht' ich leben, unter Deinen Fingernägeln möcht' ich sterben« bzw. »Die Wunden, die Du mir schlägst, ich trag' sie mit Stolz«.

Neben diesen bereits bekannten S.Q.C.Q.C.-Qualitäten überzeugt mich insbesondere der »Scape Goat Mix« gegen Ende der CD. Hier wagen sich S.Q.C.Q.C. auf für sie neues Terrain, indem sie einen Dub-inspirierten Instrumentalmix präsentieren, der verborgenes Potential der Band aufzeigt. Für mich ist dies der zukunftsweisendste Track des Albums, da Sabotage hier demonstrieren, wie sich eine aus der Technorichtung kommende Band von den momentan hippen Dubspielereien kreativ inspirieren läßt. Mit »Sexploitation Cinema« lösten S.Q.C.Q.C. das Problem »Wie veröffentliche eine Platte bei der Industrie ohne meine Indiefans zu vergraulen« mit Anstand und die Platte macht neugierig auf die weitere Entwicklung der Band.

Andreas Leibl

Christian Marclay/Günter Müller - LIVEimprovisations

For 4 Ears, CD 513
CD, CH 1994

Vor mehreren Jahren hatte ich über die erste CD von Alboth! geschrieben, daß sie eine der Platten ist, die ich gerne selbst gemacht hätte. Bei dieser CD nun - bezeichnenderweise wieder ein Schweizer Produkt - kam mir dieser Gedanke erneut hoch. Wo Alboth! noch den Free Jazz mit dem Hardcore versöhnt hatten, fusionieren Marclay und Müller Free Music, Scratching und Electronics/Cut-Ups. Das Resultat frappiert nicht nur wegen seiner ungeheuren atmosphärischen Dichte und überschäumenden Quirligkeit, sondern auch durch die Tatsache, daß es sich hier um live eingespielte Improvisationen handelt. Sie entstanden bei diversen Festivals in Dijon, Düsseldorf und Basel und beweisen, daß Jazz auch in der Musik der 90er Jahre nicht anachronistisch klingen muß, sondern dem L·rm noch die eine oder andere neue Facette abringen kann. Um jenseits von HipHop-Jazz oder Essig-Jazz zu gelangen, muß sich die Improvisation jedoch, wie Marclay und Müller zeigen, von liebgewonnenen Schemata musikalischer und technischer Natur lösen. Auch die derzeit so beliebten Jazz-Rock-Reminiszenzen - z. B. in ansonsten brauchbaren Veröffentlichungen wie »Ming« von Slowly oder »Polyester« vom Lisa Carbon Trio - sind dankenswerterweise unterblieben.

Am Rande: Christian Marclay war auf der letztjährigen Venezianer Biennale für einen der gelungensten Beiträge überhaupt verantwortlich. Wer es nicht geschafft hat, zur Kirche Sta. Stae vorzudringen, sollte sich unbedingt Im Buchhandel nach dem kleinen Katalog namens »Amplification« umsehen, der beim Schweizer Verlag Lars Müller (Baden, ISBN 3-906700-92-5) erschienen ist. Ein schönerer visueller Kontrapunkt zur vorliegenden CD läßt sich eigentlich nicht denken.

Kontakt:

For 4 Ears Records, Steinechtweg 16, CH-4452 Itingen, Schweiz
Fax: +41-61-9718361

Franz Liebl

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