Jeden Monat knallt einem spex neue Trendwörter um die Ohren: Illbient, DubHop, Space-Electro, Post-Rock... Wäre Niklas Luhmann 30 Jahre jünger, hätte er sicher schon längst ein Bändchen mit dem Titel »Der Rock der Gesellschaft - die Ausdifferenzierung des Populärmusik-Systems« veröffentlicht. Nun ja, immerhin ein Bereich, der von dem übereifrigen Systemtheoretiker verschont geblieben ist. Doch weichen wir nicht auf Nebenkriegsschauplätze aus. Denn Tatsache ist, daß die Szene bzw. Branche fast ebenso schnell neue Etiketten produziert wie Remixes. Und in der Tat, auch diese Designer-Labels tendieren immer mehr zu randomisierten Rekombinationen von Silben-Samples. »Musik zum Gurkenschälen« (Carl-Ludwig Reichert) gehört da noch zu den originelleren Ausnahmen; doch ausgerechnet Diedrich Diederichsen, Fachhochschuldozent für Texterei, entblödete sich vor einiger Zeit nicht, die absolut platteste aller Vorsilben, nämlich Post, in einem Atemzug auf alle Varianten von Rock bis Techno anzuwenden. Als ob mit dieser Form von »Pop-Theorie« etwas gewonnen wäre. Doch auch woanders treibt die Theorie-Praxis ihren Schabernack: »Für das >Nach< des >Post< findet Mießgang den Namen >X<« textete Peter Michalzik vor einiger Zeit in der Süddeutschen Zeitung über einen Post-Pop-Interviewband namens »X-Sample«.
Das zentrale Wesensmerkmal von Kategorien ist deren abgrenzende Funktion, die über innen und außen befindet und oft hochgradig idiosynkratisch erscheint, war einst das Fazit von George Lakoff in seinem Kognitionstheorie-Klassiker »Women, Fire, and Dangerous Things - What Categories Reveal About the Mind«. In dieser Beziehung liefert das Label »Industrial« ein besonders interessantes Schulbeispiel. Wer in Plattenläden oder in Mailorder-Katalogen die Rubrik (so sie nicht verschämt als »Experimentelle Musik« getarnt ist) durchforstet, wird mit zwei Erscheinungen konfrontiert. Erstens, er findet dort ausschließlich die Namen, die vor Jahren schon die Szene bevölkert hatten und angesichts ihrer geringen Entwicklungsfähigkeit heute noch das Immergleiche produzieren. Alternativ dazu findet er das, was die Industrie uns seit Jahren als »Industrial-Rock« zu vermarkten sucht - also Ministry, NIN und Konsorten, gegen die auch an dieser Stelle seit jeher unermüdlich polemisiert worden ist. Muß also, wer den Begriff heute in den Mund nimmt, fürchten, als Ewiggestriger abgestempelt zu werden? Brauchen wir ein anderes Etikett als Industrial?
Ganz im Gegenteil. Wer den Diskurs um »virtuellen Industrial« in den letzten Jahren intensiver mitverfolgt hat, wird erkannt haben, daß sich hinter dem Attribut »virtuell« keine um Aktualität bemühte Cyber-Mode verbirgt, sondern eine eigenständige, innovative Idee. Im Gegensatz zum völlig unklaren Populärgebrauch des Begriffs bedeutet »virtuell« nämlich wortwörtlich »der Möglichkeit nach vorhanden«. Das heißt in der Konsequenz: Die nachgewachsene Generation der Geräuschemacher und Sound-Designer definiert zwar - kohortenmäßig völlig logisch - ihre Identität über Techno o. ä., jedoch würden solche Erzeugnisse wie die neue Platte von Alec Empire oder die EP von Funkstörung im Blindtest problemlos als Industrial durchgehen. Für die Unterscheidung von Illbient, ElectronicListening, Intel-Techno oder HC-D&B auf der einen und Industrial auf der anderen Seite greift oft nicht einmal mehr die intuitive Methode des »I know it when I hear it.« Industrial ist jeder dieser neuen Kategorien a priori eingeschrieben, also dort virtuell präsent. Die Karriere des Geräusches, die Lutz Schridde schon vor Jahren im SIAM·letter rekonstruiert hat, hat schlicht ein nie gekanntes Maß an Ubiquität erreicht.
Weitere Merkmale zeitloser und zukunftsorientierter Industrial-Strategien sind der Themenschwerpunkt der vorliegenden Ausgabe, die zum ersten Mal als Cultural-Studies-Zine im virtuellen Datenraum erscheint; der Untertitel »Studies in Industrial Culture« verkörpert dabei kein weiteres modisches Label, mit dem letztlich nur eine neue Form von Selbstmarginalisierung markiert wird. Mit diesem strategischen Akzent geben wir uns vielmehr das Ziel vor, den blinden Industrial-Fleck in der Cultural-Studies-Tradition zu besetzen. Denn zukunftsfähiger Industrial wird auch weiterhin möglich sein.
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Letzte Aktualisierung: 14-Mar-03 um 23:22
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